Enrico Scacchia war einst einer der schillerndsten Schweizer Boxer
Sport
Schweiz|19.07.2019

Enrico Scacchia 56-jährig verstorben

BOXEN - Enrico Scacchia, in den Achtzigerjahren der schillerndste Schweizer Profiboxer, verstirbt nach Angaben seiner Familie in Bern nach langjähriger Krankheit im Alter von erst 56 Jahren.

Enrico Scacchia war einst einer der schillerndsten Schweizer Boxer

BOXEN - Enrico Scacchia, in den Achtzigerjahren der schillerndste Schweizer Profiboxer, verstirbt nach Angaben seiner Familie in Bern nach langjähriger Krankheit im Alter von erst 56 Jahren.

Der frühere Top-Boxer litt bereits seit eineinhalb Jahrzehnten an Leukämie und Lymphdrüsenkrebs.

Scacchia war der "Rocky" aus Bern. Der Italo-Schweizer wuchs in einfachsten Verhältnissen auf und boxte sich bis in die europäische Spitze der Profiboxer empor.

Dank seiner starken Ausstrahlung und seinem Können im Ring füllte Scacchia als Hauptkämpfer immer wieder den Berner Kursaal. Da der gutaussehende Modell-Athlet und Hobby-Dressman auch in französischer Sprache schlagfertige TV-Interviews geben konnte, war er in allen Landesteilen populär.

Glanz und Glamour

Wenn Scacchia in den Ring stieg, war tout Bern zugegen. Er versprühte Glanz und Glamour, die Frauenherzen flogen ihm zu. Zweimal hoffte der schlagstarke Scacchia auf den Gewinn des Europameistertitels, doch beide Male platzte der Traum wie eine Seifenblase. Der Franzose Said Skouma 1985 und der Niederländer Alex Blanchard 1987 liessen Scacchias Griff nach der EM-Krone vorzeitig scheitern. Gegen Skouma wirkte Scacchia von einer extremen Gewichtsreduktion ausgelaugt und blieb deutlich unter seinen Möglichkeiten.

Ein enorm hart erkämpftes Unentschieden über zehn Runden gegen den Finnen Tarmo Uusvirta am 26. Dezember 1986 wird von Experten als Wendepunkt in Scacchias Laufbahn bezeichnet. "Danach verfügte er nicht mehr über die Nehmerfähigkeiten von früher", sagte der vor einigen Jahren verstorbene Ring- und Punktrichter Franz Marti.

Scacchia, der in den mittleren Gewichtsklassen hin- und herpendelte, fiel später tief. Nach mehreren vorzeitigen Niederlagen in Italien erhielt er in der Schweiz keine Profilizenz mehr. Später fuhr er Taxi, orientierte sich am christlichen Glauben und lebte zeitweise unter dem Existenzminimum.

Medikamenten-Sucht

Die dunklen Seiten aus seinem einstigen Leben als Top-Profiboxer schilderte er der damaligen Nachrichtenagentur Sportinformation im Jahre 1993. Er wollte seine Medikamenten-Sucht beziehungsweise sein Doping-Problem nicht mehr verschweigen. "Am Morgen nahm ich Amphetamine, abends Valium, um überhaupt schlafen zu können. Das Ganze hatte bereits 1984 begonnen. Dadurch habe ich das Leistungsvermögen steigern und gleichzeitig mein Gewicht ohne Hungergefühle reduzieren können."

Scacchia war nie in Dopingproben hängengeblieben - wohl auch deshalb, weil die Bekämpfung und Nachweismethodik nicht heutigen Standards entsprochen hatte.

Das Boxverbot in der Schweiz versuchte er ("mittlerweile clean") noch in den Neunzigerjahren juristisch anzufechten - ohne Erfolg. "Scacchia ist nicht dumm geschlagen worden, aber er hat seine Reflexe eingebüsst", fasste Peter Stucki von der Berufsboxkommission die auf ärztlichen Gutachten basierende Haltung von Swiss Boxing seinerzeit zusammen. Später folgten für Scacchia Scharmützel in anderen Angelegenheiten mit den Behörden.

Mit Scacchia verliert der Schweizer Boxsport eines seiner bekanntesten Aushängeschilder der letzten Jahrzehnte. Insgesamt feierte er als Profiboxer ab 1981 total 41 Siege (26 davon vorzeitig). Er verlor achtmal, sechsmal davon vorzeitig, und boxte dreimal unentschieden.

Scacchia hinterlässt unter anderem zwei erwachsene Kinder, eine 32-jährige Tochter und einen 30-jährigen Sohn. Die Abdankung wird im engsten Familienkreis stattfinden.

(sda)

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