Das Gründerpaar Henri Suominen und Claudia Hilti mit Rudolf Hilti (von links). (Foto: SF)
Wirtschaft
Liechtenstein|31.08.2018 (Aktualisiert am 31.08.18 11:06)

«Wir wün­schen uns, dass Nach­hal­tig­keit zum Selbst­ver­ständnis wird»

VADUZ - Die Jungunternehmer Claudia Hilti, Henri Suominen und Rudolf Hilti pflegen einen nachhaltigen Denk- und Tu-Ansatz. Das «Volksblatt» hat nachgefragt, was den Dreien Nachhaltigkeit bedeutet und wie sie diese in der Praxis umsetzen.

Das Gründerpaar Henri Suominen und Claudia Hilti mit Rudolf Hilti (von links). (Foto: SF)

VADUZ - Die Jungunternehmer Claudia Hilti, Henri Suominen und Rudolf Hilti pflegen einen nachhaltigen Denk- und Tu-Ansatz. Das «Volksblatt» hat nachgefragt, was den Dreien Nachhaltigkeit bedeutet und wie sie diese in der Praxis umsetzen.

«Volksblatt»: Nachhaltigkeit scheint das neue Trendwort zu sein, was bedeutet es für Sie persönlich?

Rudolf Hilti: Nachhaltigkeit bedeutet «the full picture» zu haben. Sprich, ganzheitliches Denken bei selbsttragenden Projekten, die ökologisch, aber auch wirtschaftlich standhalten, auch für die nächsten Generationen. Oft wird heute nur die Umweltverträglichkeit beachtet, es kommen aber immer weitere Faktoren hinzu. Es heisst auch nicht nur, weniger zu konsumieren, sondern richtig zu konsumieren. Als Vorbild kann man die Umwelt selbst betrachten – wie sie funktioniert, kommt und geht – und das auf Gebrauchsgegenstände anwenden.

Claudia Hilti: Der Begriff ist sehr weitläufig und tiefgründig. Für mich bedeutet Nachhaltigkeit, dass Produkte in der Kreislaufwirtschaft beibehalten werden und somit eine lange Lebensdauer haben, wenn auch in verschiedenen Formen.

Henri Suominen: Fakt ist, dass man nicht am ersten Tag 100-prozentig nachhaltig sein kann. Ein teilweise ökologisches Produkt ist bereits ein Anfang und der Gewinn kann wieder in die Entwicklung gehen. So reift das Produkt organisch und wird immer besser.

«Recyceln ist bei uns im Gegenteil zu anderen Ländern schon eine Selbstverständlichkeit. Und oft kann man anderswo noch nicht richtig recyceln.»

Claudia Hilti

Ist es heutzutage bereits selbstverständlich, nachhaltig zu handeln?

Claudia Hilti: Recyceln ist bei uns im Gegenteil zu anderen Ländern schon eine Selbstverständlichkeit. Und oft kann man anderswo noch nicht richtig recyceln. In dem Fall geht es darum, den Müll gar nicht erst zu produzieren, sprich Zero-Waste. Ein Wegwerf-Kaffeebecher wird im Schnitt nur 15 Minuten benutzt und wenn wir uns Grossstädte anschauen, landen täglich Tausende im Müll. Hier kann die Gebrauchsdauer hinausgezögert werden, indem man beispielsweise einen Kaffeebecher für unterwegs aus Bambusfasern benutzt. Nicht nur das Material ist organisch, auch der Herstellungsprozess ist energieeffizient. Der Becher kann nach jahrelangem Kaffeegenuss kompostiert werden und so in den Kreislauf zurückgeführt werden, im besten Fall wird der Bioabfall für neuen Bambus verwendet. Über solche Beispiele zu reden und sich über Nachhaltigkeit auszutauschen, fördert in meinen Augen die Selbstverständlichkeit. Manche Länder gehen auch den Weg der Regulatoren und Anreizsysteme und belohnen Personen, die nachhaltig handeln. Zum Beispiel erlassen viele Länder den E-Auto-Fahrern die Autosteuer.

«Den Leuten soll kein schlechtes Gewissen gemacht werden. Indem man neue Bedürfnisse weckt, stellen sie leichter auf nachhaltige Produkte um.»

Rudolf Hilti

Rudolf Hilti: Den Leuten sollte kein schlechtes Gewissen gemacht werden. Indem man neue Bedürfnisse weckt, stellen Menschen leichter auf nachhaltige Produkte um. Heute ist es Trend, ökologisch und fair produzierte Kleidung zu kaufen, denn sie sieht gut aus und es fühlt sich gut an. Ein weiterer Faktor für die Selbstverständlichkeit ist die zunehmende Transparenz in verschiedenen Bereichen. Plötzlich ermöglicht neue Software, dass man jederzeit seinen ökologischen Fussabdruck und dessen Auswirkungen kennt, dadurch will man ihn natürlich automatisch verbessern.

Wie bringen Sie Nachhaltigkeit in Ihren Unternehmen ein?

Claudia Hilti: Im Njord Restaurant versuchen wir, den Recyclingprozess bis hin zum Bierdeckel zu verfeinern. Wir benutzen den Supersack und recyceln alles, was möglich ist. Wir sind kein Zero-Waste-Restaurant, versuchen aber, in diese Richtung zu streben. Hier hilft es auch, die gesamte Lieferkette anzuschauen: Wir fragen die Lieferanten, ob sie uns keine Plastikverpackungen senden können, das funktioniert teilweise – Milch in nachfüllbaren Glasflaschen leider nicht. Bei uns schauen wir jeden Faktor an und ersetzen herkömmliche Strohhalme durch metallene und verpackte Schokolade zum Kaffee durch frische Pralinen. Weiter arbeiten wir auch mit dem Unternehmen Waterfootprint zusammen. Hier geht es darum, das Bewusstsein über unsere natürlichen Ressourcen bei den Menschen zu schaffen. Im Möbel- und Accessoiresgeschäft Koti fragen wir, ob wir den Beleg anstatt zu drucken auch per E-Mail senden können. Unsere Mitarbeiter tragen mit guten Ideen zum Konzept bei und unsere Gäste machen wir auf die Veränderungen aufmerksam, das sensibilisiert und kommt gut an.

Rudolf Hilti: Beim Concept Store Franz vertritt jedes Teil eine andere Stufe der Nachhaltigkeit. Mal ist es Upcycling mit Regenmänteln aus Petflaschen, mal Produkte, die den ganzen Kreislauf berücksichtigen, wie die kompostierbare Kleidung aus Hanf von F-ABRIC, bei der sogar die Knöpfe aus Nüssen sind. Wir arbeiten mit vielen Designern zusammen, die schöne Produkte kreieren und sich gleichzeitig mit dem gesamten Prozess auseinandersetzen. Es soll gut aussehen, trendig sein, aber auch eine Geschichte erzählen.

Claudia Hilti: Wichtig ist, dass Nachhaltigkeit nicht nur als Trend gesehen wird, nach dem Motto «cool, man könnte es kompostieren». Das ist natürlich schön, schöner aber noch, wenn man es dann wirklich tut.

Nachhaltigkeit als Ganzheitlichkeit betrifft auch Ihre Mitarbeiter, wie gehen Sie das Thema mit ihnen an?

Henri Suominen: Nachhaltigkeit ist in unserem Konzept und der Kultur verankert und begleitet unsere Mitarbeitenden von Beginn an. Bereits im Vorstellungsgespräch fragen wir nach, wie sie persönlich mit dem Thema umgehen. Am besten passt es, wenn unsere Teammitglieder dasselbe Mindset haben und sich mit unseren Ideen identifizieren können. Dann kommen auch coole Inputs aus dem Team, die uns helfen, uns zu verbessern. Wir als Gründer versuchen, Nachhaltigkeit vorzuleben, und haben Freude dabei.

Der Begriff Zero-Waste ist ja auch in aller Munde, ist es überhaupt möglich, keinen Müll zu produzieren?

Claudia Hilti: Man kann viel besser auf etwas hinarbeiten, wenn man ein Ziel hat und unser Ziel heisst Zero-Waste. Auch wenn man nicht weiss, ob man das Ziel je erreichen kann, ist der Prozess das Schöne, er motiviert, stufenweise Fortschritte zu machen. Was wir jetzt bereits machen, nennen wir Low-Waste.

«Zero-Waste ist im weitesten Sinne ein Traum, man kann es aber auch als Rahmenkonzept sehen. Mit dem heutigen Lifestyle und unserem Konsumverhalten ist es sehr schwierig oder gar unmöglich, Zero-Waste zu erreichen.»

Henri Suominen
Im "Hus" an der Landstrasse 121 in Vaduz findet am 1. September eine Art Tag der offenen Tür statt. (Foto: ZVG)

Henri Suominen: Zero-Waste ist im weitesten Sinne ein Traum, man kann es aber auch als Rahmenkonzept sehen. Mit dem heutigen Lifestyle und mit unserem Konsumverhalten ist es sehr schwierig oder gar unmöglich, Zero-Waste zu erreichen. Es sollte aber das Ziel von jedem Einzelnen sein, so wenig Müll wie möglich zu produzieren.

Rudolf Hilti: Genau hier ist es wichtig, sich Gedanken zu machen. Der offensichtliche Müll, den man produziert, ist das eine, die Energie, die wir nutzen, das andere. Die ganzheitliche Sicht fragt nach: Wie wird denn meine Energie erzeugt? Zero-Waste und nachhaltige Energieversorgung werden immer stärker gewollt. Wenn das Bedürfnis danach von mehr und mehr Menschen und Unternehmen geteilt wird, sind wir auf dem richtigen Weg. Dann werden vermehrt Lösungen und Ideen gefunden.

Dann hinterfragen wir doch gleich – wurde die Energie, die Sie nutzen, erneuerbar produziert?

Rudolf Hilti: Auf dem Dach vom Mühleholzmarkt gibt es Fotovoltaikanlagen, geheizt und gekühlt wird mit einem Wärmetauscher. Im Think- und Action-Tank THE HUS.institute, der im alten Haus nebenan seinen Sitz hat, wollen wir weitere erneuerbare Energiequellen erschliessen. Wir gehen der Frage nach, wie man Energie noch vielfältiger nutzen kann und ganzheitliche Systeme schaffen kann. Wir arbeiten und investieren mit der Rheinest Establishment unter anderem in Unternehmen wie Airlite, eine Firma, die Farbe herstellt, die Stickoxide bindet. Die Farbe haben wir auf unseren Wänden. Wir haben auch Lärmisolation aus Pflanzen ausgestellt. Das «Hus» ist quasi ein Showroom für nachhaltige Produkte und beheimatet Unternehmen im Softwarebereich, wie zum Beispiel die Holo Host AG, die dezentrale Anwendungen ermöglicht, welche skalierbar und gleichzeitig energieeffizient sind. Die Grundidee ist es, ein Netzwerk zu schaffen, das die alte und neue Welt verbindet. Wir fördern den Austausch, bringen unterschiedliche Personen und Ideen zusammen und lancieren neue Projekte.

Mit neu sprechen Sie sicher auch die Digitalisierung an – steht das nicht im Widerspruch zur Nachhaltigkeit oder lassen sich die Themen vereinen?

Rudolf Hilti: Beim heutigen Konsumverhalten funktioniert Nachhaltigkeit am besten in Verbindung mit digitalen Lösungen und neuen Technologien. Die digitale Welt macht es möglich, Produkte zu nutzen, ohne sie zu besitzen. Das steht im Sinne der Nachhaltigkeit – Güter werden geteilt und das Nutzerverhalten verändert sich. Ohne diese Umstellung kommen wir noch mehr in einen Ressourcen-Engpass. Somit können wir froh sein, dass die Digitalisierung so schnell voranschreitet. Bildlich gesprochen ist in der digitalen Welt alles nur einen Klick entfernt, also ein Raum ohne physische Grenzen. Der Klimawandel stoppt auch nicht an der Landesgrenze und kennt somit ebenfalls keine physischen Grenzen. Man muss die Nachhaltigkeit mit der Digitalisierung verbinden und neue Technologien nutzen. Viele Länder versuchen, hier die Vorreiterrolle einzunehmen. Liechtenstein hätte eine gute Ausgangslage, da wir unabhängig und vertrauenswürdig sind, zudem stellen wir aufgrund unserer Grösse kein politisches oder wirtschaftliches Risiko für andere dar. Das neue digitale Zeitalter ist geprägt von einer vernetzten Welt und exponentiell wachsenden Unternehmen, wobei Liechtenstein ein vertrauensvoller Netzwerkknotenpunkt sein könnte.

«Man muss Nachhaltigkeit mit der Digitalisierung verbinden und neue Technologien nutzen.»

Rudolf Hilti

Haben Sie Ideen, wie das Land Liechtenstein an sich nachhaltiger gestaltet werden könnte?

Rudolf Hilti: Liechtenstein könnte sich als Vorzeigeland der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen positionieren und dadurch von einem zukunftsorientierten Image profitieren. Was sich zusätzlich positiv auf das Image von Finanzplatz und Industriesektoren auswirkt. Liechtenstein hat als Land durch seine Grösse eine Sonderstellung, da wir frei von höherrangigen Interessen sind. Durch eine Vorreiterrolle können wir neue Impulse setzen und gleichzeitig als Vermittler fungieren.

Wie ist es, als Jungunternehmer in Liechtenstein ein Start-up zu gründen?

Henri Suominen: Ich habe bis jetzt nur hier ein Unternehmen gegründet, kann also keinen Vergleich ziehen (lacht). Da das Land klein ist, gehen die bürokratischen Schritte sehr schnell, was ein riesiger Vorteil ist. Durch die Grösse des Landes gibt es natürlich aber auch weniger Kunden. Was einen handkehrum wieder dazu bringt, den Webauftritt zu fördern und weitere Märkte zu entdecken.

Claudia Hilti: Hier ist es für viele noch überraschend, wenn etwas Neues gegründet wird. Dadurch meint man selbst ab und an, auch vorsichtiger sein zu müssen. Aber kein Risiko einzugehen, ist das grösste Risiko. Den Weg der Unternehmerin zu gehen, gefällt mir, und Liechtenstein scheint mir hierfür vorerst der richtige Ort zu sein. Das Feedback von aussen ist meist positiv, das ermuntert einen, weiterzumachen.

Was wünschen Sie sich in Zukunft für die Nachhaltigkeit?

Rudolf Hilti: Ich wünsche mir, dass Nachhaltigkeit wirklich zum Selbstverständnis wird. Dass man danach fragt, sich sehnt und bereit ist, darin zu investieren.

Henri Suominen: Vor Ort, dass Menschen in Liechtenstein weiter lokale Geschäfte besuchen, das stärkt die gesamte Region, den Gemeinschaftssinn und die Nachhaltigkeit. So können die Unternehmen sich auch stetig im Sinne aller verbessern.

Claudia Hilti: Ich freue mich einfach, die Reise zu Zero-Waste zu gehen. Momentan ist hier noch niemand perfekt, aber viele versuchen, etwas auf ihre Weise zur Nachhaltigkeit beizutragen, das finde ich top.

Zu den Personen

Claudia Hilti und Henri Suominen sind Gründer des Njord Restaurants und Cafés sowie des Möbel- und Accessoires-Geschäfts Koti im Mühleholzmarkt. Rudolf Hilti lanciert Projekte wie den Concept Store Franz und den Think-and-Action-Tank THE HUS.institute.

(df)

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