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Politik
Liechtenstein|15.08.2019 (Aktualisiert am 15.08.19 18:17)

Albert Frick: «Ein Land in Jubiläumslaune, was für eine Freude!»

Landtagspräsident Albert Frick ging in seiner Ansprache auf die Erfolgsgeschichte des Landes ein und spannte dabei den Bogen in die Zukunft.

(Foto: Michael Zanghellini)

Landtagspräsident Albert Frick ging in seiner Ansprache auf die Erfolgsgeschichte des Landes ein und spannte dabei den Bogen in die Zukunft.

Durchlauchter Landesfürst, Durchlauchte Landesfürstin, Durchlauchter Erbprinz, Königliche Hoheit, Durchlauchten, geschätzte Mitglieder von Regierung und Landtag, Exzellenzen, liebe Liechtensteinerinnen, liebe Liechtensteiner, liebe Gäste,

ein Land in Jubiläumslaune, was für eine Freude! 1719 wurde das Fürstentum Liechtenstein gegründet. 300 Jahre verbinden die Bewohner unseres Landes mit dem Fürstenhaus Liechtenstein. Es ist dies eine wechselhafte Geschichte, die von einer Fernbeziehung in das heutige Zusammenleben in Liechtenstein führt. Das Fürstentum Liechtenstein wurde buchstäblich aus der Not geboren. Aufgrund hoher Schulden sahen sich die Grafen von Hohenems gezwungen, 1699 zunächst die Herrschaft Schellenberg und 1712 die Grafschaft Vaduz an den Fürsten von Liechtenstein zu verkaufen. Zwei unbedeutende Fleckchen Erde, die nichts abwarfen, bewohnt von Bauern, die mit Missernten zu kämpfen hatten.

Dass sich das Adelshaus Liechtenstein im fernen Mähren für die Region interessierte, hatte einen bedeutsamen Grund: Schellenberg und Vaduz waren schon seit dem 14. Jahrhundert reichsunmittelbar, das heisst, der regionale Herrschaftsträger war ohne Zwischeninstanzen dem Kaiser unterstellt. Schon seit Jahrzehnten bemühte sich das Fürstenhaus, die Reichsfürstenwürde zu erlangen. Dafür bedurfte es allerdings des Besitzes eines reichsunmittelbaren Territoriums von bestimmter Grösse. Mit dem am 23. Januar 1719 durch Kaiser Karl VI. erlassenen Zusammenschluss der Herrschaft Schellenberg und der Grafschaft Vaduz zum Fürstentum Liechtenstein wurde ein solches Territorium geschaffen. Es war die Geburtsstunde unseres Landes.

Nach dem Zerfall des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation als Folge der Napoleonischen Kriege wurde das Fürstentum Liechtenstein zusammen mit viel grösseren Ländern wie Bayern, Württemberg oder Baden durch Napoleon in den Rheinbund aufgenommen. Damit erlangte das Land im Jahre 1806 die volle Souveränität. Es sollte fast die Hälfte unserer 300-jährigen gemeinsamen Geschichte vergehen, bis im
Jahre 1842 erstmals ein Landesfürst das Land besuchte. Man kann sich die Frage stellen, warum das so lange gedauert hat.

Nun, zum einen waren die damaligen Reisemöglichkeiten nicht mit den heutigen vergleichbar, was eine entsprechend lange Reise in ein Alpental weit hinter dem Arlberg als überaus beschwerlich erscheinen liess. Zudem waren die Tätigkeiten des Fürstenhauses in den angestammten Landen vielfältig und anspruchsvoll. Das Haus Liechtenstein erreichte die höchsten Ränge im Kaiserreich und hatte weit grössere Ländereien als das kleine Liechtenstein in seinem Besitz. Das Fürstenhaus war Ende des 17. Jahrhunderts in Mähren für ca. 19 000 Familien verantwortlich, während die Bevölkerung im fernen Liechtenstein weniger als 1000 Haushalte zählte. Dazu gab es noch andere Gründe, sich mit einer Reise ins Alpenrheintal nicht zu beeilen.

Was Landvogt Schuppler dem Fürsten 1815 in seiner Landbeschreibung berichtete, enthielt in der Tat wenig Verlockendes, sich bald auf die Reise zu machen. «Die intellektuelle und körperliche Bildung der Landeseinwohner hat keineswegs die dem Zeitgeist angemessene Höhe erreicht», so meinte Schuppler und weiter: «In seiner Lebensweise sucht der Liechtensteiner sein Glück in zügelloser Freiheit, fröhlichem Müssiggang und in der Befriedigung all seiner Leidenschaften, wenn die gleich dem Nächsten und dem Staate schädlich sind.» Markige Schuppler-Worte!

"Die Lebensqualität in unserem Land ist im Weltvergleich ganz oben anzusiedeln."

Diese Schilderung, geschätzte Gäste, zeigt doch sehr eindrücklich, dass die Geschichte Liechtensteins eine Geschichte des Wandels ist. Liechtenstein ist heute ein Wohlfahrtsstaat. Die Lebensqualität in unserem Land ist im Weltvergleich ganz oben anzusiedeln. Der Aufstieg hin zu Wohlstand begann allerdings erst vor ungefähr 75 Jahren. Die 300 Jahre unserer Geschichte lassen sich zu drei Vierteln in eine Zeit der Armut und zu einem Viertel in eine Zeit des wachsenden Wohlstands aufteilen.

Die Geschichte des Landes ist durch ein beachtliches Bevölkerungswachstum geprägt. In den 300 Jahren ist die Anzahl der im Lande lebenden Menschen von weniger als 4000 auf 38 000, also um das Zehnfache, gestiegen. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich mehr als verdoppelt. Sie lag bis ins letzte Jahrhundert unter 40 Jahren. Heute liegt sie bei über 80 Jahren und es bewohnen zum Beispiel gleich viele 65-Jährige wie Dreissigjährige das Land. Den wohl grössten Unterschied zu früher aber macht der hohe Bildungsstand der Bevölkerung aus. Fast alle Berufstätigen können heutzutage eine qualifizierte Berufsausbildung vorweisen. Gegen 40 Prozent der Frauen und Männer erlangen eine Ausbildung auf Universitäts- oder Hochschulebene. Noch vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert war Höhere Bildung weniger als 5 Prozent der Bevölkerung und ausschliesslich Männern zugänglich.

War über lange Zeit fast die ganze Einwohnerschaft dem Bauernstand zuzuordnen, so sind heute weniger als 1 Prozent der Berufstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt. Die gut diversifizierte, international erfolgreiche Wirtschaft mit den Hauptsektoren Industrie und Finanzdienstleistungen sorgt für eine grosse Anzahl von attraktiven Arbeitsplätzen. Rund 20 000 Personen aus der Nachbarschaft pendeln daher täglich nach Liechtenstein, um hier zu arbeiten. Das durchschnittliche Einkommen der Liechtensteiner ist eines der höchsten weltweit, die Steuerbelastung hingegen eine der tiefsten. Mit einem gut ausgebauten Sozialsystem ist die Erfüllung der existenziellen Grundbedürfnisse für alle Teile der Bevölkerung gesichert.

"Wir dürfen 300 Jahre Fürstentum Liechtenstein in der wohl besten Zeit unserer Geschichte feiern. Wir dürfen dankbar für eine Entwicklung sein, die Wohlstand und Lebensqualität ins Land gebracht hat."

Liebe Liechtensteinerinnen, liebe Liechtensteiner,

Wir dürfen 300 Jahre Fürstentum Liechtenstein in der wohl besten Zeit unserer Geschichte feiern. Wir dürfen dankbar für eine Entwicklung sein, die Wohlstand und Lebensqualität ins Land gebracht hat. Und so stellt sich die Frage, wie wir Sicherheit, Frieden und den gehobenen Lebensstandard für unsere Nachkommen bewahren können. Am besten wohl, indem wir die Grundlagen und Werte bewahren, die uns so weit gebracht haben.

Unser Staatswesen mit der im Fürsten und im Volk verankerten Staatsgewalt bildet die bewährte Grundlage für weitsichtige und verantwortungsvolle Politik. Stabilität und Verlässlichkeit unseres Staatswesens schaffen Vertrauen. Sie ermöglichen eine angemessene Positionierung in der internationalen Staatengemeinschaft und damit die Wahrung der Interessen des Landes. Kluge Aussenpolitik leistet seit Jahrzehnten einen wesentlichen Beitrag zu einem souveränen, glaubwürdigen und erfolgreich positionierten Liechtenstein. Eine liberale Wirtschaftsordnung hat ein Unternehmertum gefördert, das seinesgleichen sucht. Gegen 5000 Unternehmen im Lande, vom Start-up bis zum Weltkonzern, sind beredte Zeugen der innovativen und erfolgsorientierten Wirtschaftstätigkeit.

"Bildungsfreude, Leistungsbereitschaft, Strebsamkeit, Anstand und Menschlichkeit sind erkennbare Werte unserer Gesellschaft."

Meine Damen und Herren, hinter all dem stehen Menschen, die Menschen im Lande. Der gute Landvogt Schuppler müsste sich eines ganz anderen Vokabulars bedienen, wollte er die heutige liechtensteinische Gesellschaft beschreiben. Bildungsfreude, Leistungsbereitschaft, Strebsamkeit, Anstand und Menschlichkeit sind erkennbare Werte unserer Gesellschaft. Werte, die unserer christlichen Glaubenstradition entsprechen und in der Bevölkerung nach wie vor tief verwurzelt sind. Menschen zeigen sich solidarisch und setzen sich in Freiwilligenarbeit zugunsten anderer ein. Dies alles gilt es zu bewahren. Achten wir verantwortungsbewusst darauf, dass unser politisches Handeln wertebasiert bleibt und dass nicht Marktdiktat und Gewinnmaximierung zum Mass aller Dinge werden! Wir sagen, was gut ist für unser Land.

Liebe Liechtensteinerinnen, liebe Liechtensteiner,

ich darf an unserem 300. Geburtstag voll Freude feststellen: Die liechtensteinische Gesellschaft hat eine gute Entwicklung genommen. Sie ist weltoffen, gebildet, bodenständig und mit Gemeinschaftssinn ausgestattet. Im Miteinander liegt unsere Kraft. Unsere Heimat ist unser Gemeinschaftswerk.

Lassen Sie mich danken. Dank an das Fürstenhaus, an unsere Mütter und Väter und an die Mitbürgerinnen und Mitbürger. Sie haben unser Land zu dem gemacht, was es heute ist. Und lassen Sie mich den Wunsch an unsere Töchter und Söhne richten, sich für die Heimat einzusetzen und zum kostbaren Erbe Sorge zu tragen. Möge unser Liechtenstein weiterhin gut gedeihen und ein Hort des Glücks, des Friedens und der Menschlichkeit bleiben.
Ich danke allen, die zum Gelingen des heutigen Staatsaktes beigetragen haben, und wünsche den Liechtensteinerinnen und Liechtensteinern, allen Einwohnern und allen Gästen einen beglückenden Festtag und Gottes Segen.

(red)

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