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Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt nach dem Angriff in Halle an einer Mahnwache vor der Neuen Synagoge in Berlin teil. (Foto: Christoph Soeder/dpa via AP)
Politik
International|10.10.2019

Rechtsextremist wollte Massaker in Synagoge in Halle anrichten

HALLE/SAALE - Bei einem Angriff auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss in Halle an der Saale hat ein mutmasslicher Rechtsextremist am Mittwoch zwei Menschen erschossen und zwei weitere schwer verletzt. Der mutmassliche Schütze wurde festgenommen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt nach dem Angriff in Halle an einer Mahnwache vor der Neuen Synagoge in Berlin teil. (Foto: Christoph Soeder/dpa via AP)

HALLE/SAALE - Bei einem Angriff auf eine Synagoge und einen Döner-Imbiss in Halle an der Saale hat ein mutmasslicher Rechtsextremist am Mittwoch zwei Menschen erschossen und zwei weitere schwer verletzt. Der mutmassliche Schütze wurde festgenommen.

In Deutschland hat ein schwerbewaffneter Täter versucht, in einer Synagoge in Halle/Saale ein Blutbad unter rund 80 Gläubigen anzurichten. Der Täter wollte nach Angaben des Zentralrats der Juden mit Waffengewalt in die Synagoge eindringen.

Danach soll der Mann vor der Synagoge und in einem nahen Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen haben. Er floh vom Tatort und wurde am Nachmittag festgenommen. Er hatte seine Tat gefilmt und das Video ins Internet gestellt.

Erst nach langen Stunden des Wartens wurde klar, dass es sich um einen Einzeltäter handelte. Innenminister Horst Seehofer sprach am Abend von einem antisemitischen Motiv.

Der Generalbundesanwalt, der die Ermittlungen rasch an sich gezogen hatte, habe zudem "ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund".

Seehofer sagte weiter: "Der höchste jüdische Feiertag Jom Kippur ist heute ein schwarzer Tag. Ein schwer bewaffneter Täter hat versucht, in eine Synagoge einzudringen, in der sich rund 80 Menschen aufhielten."

27-jähriger Deutscher mutmasslicher Täter

Bei dem mutmasslichen Täter handelt es sich nach "Spiegel"-Informationen um einen 27-jährigen Deutschen aus Sachsen-Anhalt. Die Polizei bestätigte am Abend, dass es sich bei dem kurz nach der Tat festgenommenen Mann um den mutmasslichen Schützen handele. Er wurde demnach verletzt und medizinisch versorgt.

Getötet wurden nach Angaben einer Polizeisprecherin ein Mann und eine Frau. Der Mann sei gegen Mittag in einem Dönerimbiss erschossen worden, die Frau in der Humboldtstrasse, in der sich auch die Synagoge befindet.

Die beiden durch Schüsse Verletzten - ebenfalls ein Mann und eine Frau - wurden nach Angaben des Universitätsklinikum Halle "schwerstverletzt". Beide seien erfolgreich operiert worden, "es besteht derzeit keine akute Lebensgefahr".

Vorwürfe an die Polizei

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sagte am Abend: "Die Brutalität des Angriffs übersteigt alles bisher Dagewesene der vergangenen Jahre und ist für alle Juden in Deutschland ein tiefer Schock."

Zugleich erhob er schwere Vorwürfe gegen die Polizei. "Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös." Er fügte hinzu: "Wie durch ein Wunder ist nicht noch mehr Unheil geschehen."

Selbstgebastelte Sprengsätze

Bei dem Angriff legte der Täter auch selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus ab. Eine Frau wurde nach Informationen der Nachrichtenagentur DPA vor der Synagoge von tödlichen Schüssen getroffen. Etwa 30 Meter vor der Synagoge lag sie auf einer Strasse mit einer blauen Decke bedeckt gegenüber der Synagoge. Das Todesopfer aus dem Döner-Imbiss war ein Mann.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, bestätigte, dass sich der Angriff der Täter direkt gegen die Synagoge richtete.

"Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschiessen", sagte Privorozki der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten". "Aber unsere Türen haben gehalten."

Kamera auf dem Helm

Die Tat erinnert an den Anschlag eines Rechtsextremisten auf Muslime in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch, bei dem Mitte März mehr als 50 Menschen getötet worden waren.

Wie dieser Täter soll auch der Schütze von Halle eine Kamera auf dem Helm getragen haben. In den sozialen Netzwerken soll er ein 35-minütiges Bekennervideo hochgeladen haben.

Das Video des Angreifers von Halle ist auf einer Streamingplattform in Echtzeit von fünf Menschen verfolgt worden. Anschliessend hätten rund 2200 Menschen das aufgezeichnete Video angeschaut, bevor es gelöscht worden sei, erklärte die Videospielplattform am Mittwoch im Kurzbotschaftendienst Twitter.

In dem Video ist ein junger Mann in Kampfanzug mit weissem Halstuch in einem Auto zu sehen. Der Mann gibt in vermutlich nicht muttersprachlichem Englisch extrem antisemitische Äusserungen von sich.

In dem Video sind auch mehrere Schiessszenen zu sehen. Unter anderem zeigt das Video, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt. Das Video liegt DPA vor.

Menschen in Synagoge verschanzt

Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus bestätigte der DPA nach einem Telefonat mit Privorozki, der maskierte Täter habe gegen die Tür geschossen, dabei aber nicht in die Synagoge eindringen können. Rund 20 Menschen seien am Nachmittag noch in der Synagoge verschanzt gewesen, darunter auch mehrere Gäste aus den USA.

Laut Salomon wurden auch Flaschen mit Flüssigkeit geworfen. Eine habe die Sukka (Laubhütte), eine andere den Jüdischen Friedhof in unmittelbarer Nähe und eine den Hof der Synagoge getroffen. Nur die Flasche gegen den Friedhof habe sich entzündet.

US-Botschafter Richard Grenell sagte, zehn Amerikaner seien in der Synagoge gewesen. "Alle sind sicher und unverletzt", schrieb Grenell auf Twitter. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel informierte sich über die Lage und sprach den Angehörigen der Opfer ihr tiefes Beileid aus.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief zu Solidarität mit den jüdischen Mitbürgern auf. In Halle sei passiert, was in Deutschland unvorstellbar schien, sagte er.

Bundesaussenminister Heiko Maas fragte: "Wann hört das auf? Warum geschieht das in unserem Land? Unserem Land!" Er betonte: "Antisemitismus und Fremdenhass dürfen keinen Platz in unserer Gesellschaft haben."

"Amoklage"

Die Stadt Halle sprach am frühen Nachmittag von einer "Amoklage" und rief die Menschen überall in Halle dazu auf, in Gebäuden zu bleiben. Zunächst war die Polizei davon ausgegangen, dass mehrere bewaffnete Täter mit einem Auto auf der Flucht seien. Gegen 18.15 Uhr gab sie Entwarnung. "Sie können wieder auf die Strasse, die Warnungen sind aufgehoben", twitterte die Polizei.

Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse. Ein Zusammenhang zu Halle war zunächst von den Behörden aber nicht bestätigt worden.

Die Stadt Halle hatte einen Krisenstab einberufen. Alle Rettungskräfte der Feuerwehr waren in Alarmbereitschaft versetzt worden. Die Polizei hatte seit den Mittagsstunden alle verfügbaren Kräfte in Sachsen-Anhalt abgezogen und sie nach Halle verlegt.

Schutz von Synagogen verstärkt

Im benachbarten Leipzig hatte die Polizei ihre Kräfte vor der Synagoge verstärkt. Auch in anderen deutschen Städten wurde der Schutz von Synagogen verstärkt.

Der Bahnhof von Halle war wegen polizeilicher Ermittlungen vorübergehend gesperrt. Es kam zu Verspätungen. Die Bundespolizei verstärkte ihre Kontrollen an Bahnhöfen und Flughäfen in Mitteldeutschland. Das gelte auch für die Verkehrswege nach Polen und Tschechien, hiess es.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zeigte sich entsetzt über die Tat. "Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land."

Schweigeminute

Aus dem Ausland kamen ebenfalls bestürzte Reaktionen. Das EU-Parlament legte eine Schweigeminute für die Opfer ein. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli.

Auch Uno-Generalsekretär António Guterres bewerte den Vorfall als "eine weitere tragische Demonstration von Antisemitismus", teilte ein Uno-Sprecher in New York mit.

AfD-Fraktionschefin Alice Weidel twitterte: "Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien. Ich hoffe, die Polizei fasst den oder die Täter schnell, ohne dass weitere Menschen zu Schaden kommen."

(sda / dpa / afp)

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