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Den Frust und Ärger konnte und wollte Sebastian Vettel auch bei der Siegerehrung nicht verheimlichen
Sport
International|11.06.2019

Vettels Frust und Unverständnis

AUTOMOBIL - Sebastian Vettel gewinnt den Grand Prix von Kanada - und steht am Ende doch wieder als Verlierer da. Eine gegen ihn ausgesprochene Zeitstrafe macht Lewis Hamilton zum Sieger.

Den Frust und Ärger konnte und wollte Sebastian Vettel auch bei der Siegerehrung nicht verheimlichen

AUTOMOBIL - Sebastian Vettel gewinnt den Grand Prix von Kanada - und steht am Ende doch wieder als Verlierer da. Eine gegen ihn ausgesprochene Zeitstrafe macht Lewis Hamilton zum Sieger.

Das war des Schlechten zu viel für Vettel. Das Mass des Zumutbaren war für ihn überschritten, zumal in einer Saison, die bisher gar nicht nach seinem Gusto verlaufen war und in der sich entsprechend viel Frustpotenzial angesammelt hatte.

Nach sechs Niederlagen auf der Rennpiste folgte nun eine am grünen Tisch, besiegelt durch ein Urteil der Rennkommissare. Die Hüter des Gesetzes waren nach der 48. von 70 Runden zur Tat geschritten, nachdem Vettel vom Weg abgekommen und knapp vor Hamilton auf die Strecke zurückgekehrt war. Die Stewards betrachteten den Wiedereintritt als gefährliches Manöver und belegten den Deutschen mit einem Zuschlag von fünf Sekunden, der auf die Fahrzeit aufgerechnet wurde. Vettels Vorsprung auf Hamilton betrug im Ziel nur eine gute Sekunde. Zu wenig, um auch nach der Sanktion im Klassement vorne zu bleiben.

Als Erster durchs Ziel fahren und doch nicht Sieger sein. Da verstand der Bestrafte die Welt nicht mehr. "Das ist unfair. Ich bin sauer und habe das Recht, sauer zu sein", schimpfte Vettel noch während des Rennens am Funk. "Ich hatte Glück, dass ich nicht die Mauer getroffen habe. Wo zur Hölle sollte ich denn hin?" Gegen die Rennleitung liess er eine besondere Breitseite los. "Du musst schon blind sein, um zu denken, dass du durch das Gras fahren und das Auto kontrollieren kannst."

Vettels kindische Reaktion

Die verbale Reaktion sei Vettel nachgesehen. Wie er seinen Ärger aber nach Rennschluss zur Schau stellte, war weniger verständlich. Da trat der Vettel auf den Plan, der seinen Emotionen in nicht vertretbarem Grad freien Lauf lässt und mit seinem Benehmen Kopfschütteln auslöst. Die Weigerung, den Ferrari in den für die ersten drei des Rennens reservierten Bereich zu stellen, hatte ebenso etwas Kindisches an sich wie das Verschieben der Tafeln, die in grossen Ziffern die Parkplätze des Erst-, Zweit- und Drittklassierten markieren. Vettel stellte das Schild mit der "2" vor den Mercedes von Hamilton, das mit der "1" vor jenen Platz, auf dem sein Ferrari hätte stehen sollen.

Viele Insider schlugen sich auf die Seite Vettels. In der Beurteilung des Strafmasses fielen oft Worte wie "peinlich", "kleinlich" oder "unverständlich". Trotz des Supports wäre Vettel gut beraten, sich selber den Spiegel vorzuhalten, denn Auslöser des ganzen Theaters war er selber mit einem Fahrfehler. Einmal mehr schien er am Druck zerbrochen zu sein.

Auch Teamchef Mattia Binotto zeigte sich selbstredend solidarisch mit Vettel. Der in Lausanne geborene Italiener hinterlegte bei beim Internationalen Automobil-Verband FIA die Absichtserklärung für einen Einspruch, obwohl Tatsachenentscheide dieser Art nachträglich nicht anfechtbar sind. Binotto blieben danach 96 Stunden für den Beschluss, sich auf ein juristisches Geplänkel einzulassen.

Dannzumal müsste das Schiedsgericht der FIA den Einspruch erst einmal als begründet erachten und zulassen. Binotto hätte dafür neue Beweise oder wichtige Erkenntnisse vorzulegen, die der Rennleitung bei ihrer Urteilsfindung noch nicht zur Verfügung standen. Die Chance, den Entscheid umstürzen zu können, wird auf jeden Fall als sehr gering eingestuft.

Hamilton muss sich also keine grossen Sorgen machen, den zugesprochenen Sieg wieder hergeben zu müssen. Mit nunmehr sieben ersten Plätzen im Grand Prix von Kanada hat er die Bestmarke von Michael Schumacher egalisiert. Noch wichtiger wird für den Briten sein, den Vorsprung als Führender in der WM-Gesamtwertung ausgebaut zu haben. Er hat jetzt 29 Punkte mehr als der zweitplatzierte Teamkollege Valtteri Bottas. Der Finne musste sich in Montreal hinter dem Monegassen Charles Leclerc im anderen Ferrari mit Platz 4 bescheiden.

Hamilton bedauerte, auf diese Weise gewonnen zu haben. Seine Meinung zum Urteil war aber unmissverständlich. "Ich musste bremsen, sonst hätte es gekracht. Es lag in seiner Verantwortung, das zu vermeiden. Sollte es also keine Strafe geben, wenn jemand versucht, einen anderen Fahrer in die Mauer zu drücken?"

Hamiltons Erinnerung

In Vettels Gefühlswelt kann sich Hamilton sehr wohl versetzen. Er hatte vor bald elf Jahren Ähnliches erlebt. Im Grand Prix von Belgien war er mit einer Zeitstrafe von 25 Sekunden belegt worden, weil er kurz vor Schluss in der Schikane vor Start und Ziel abgekürzt und sich einen Vorteil verschafft hatte.

Hamilton, der als Sieger abgewunken worden war, fiel auf Platz 3 zurück. Einsicht und Verständnis zeigte er ebenfalls nicht - auch nicht nach dem erfolglosen Einspruch vor dem Berufungsgericht der FIA. Für anhaltenden Frust bestand für den Engländer aber kein Grund. Er wahrte trotz der Deplatzierung in Francorchamps die Führung in der WM-Wertung, und am Ende der Saison war er zum ersten Mal Weltmeister.

In jenem Jahr gab es also mehr Gutes als Schlechtes für Hamilton. Kein Vergleich zu Vettel in der laufenden Saison.

(sda)

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