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Für Raeto Raffainer ist es die letzte Weltmeisterschaft als Nationalmannschafts-Direktor
Sport
International|17.05.2019

"Wir Schweizer sind wahnsinnig kritisch mit uns selber"

EISHOCKEY - Nationalmannschafts-Direktor Raeto Raffainer tritt nach der Eishockey-WM in der Slowakei ab und wird Sportchef beim HC Davos. Der 37-Jährige hat einiges bewegt.

Für Raeto Raffainer ist es die letzte Weltmeisterschaft als Nationalmannschafts-Direktor

EISHOCKEY - Nationalmannschafts-Direktor Raeto Raffainer tritt nach der Eishockey-WM in der Slowakei ab und wird Sportchef beim HC Davos. Der 37-Jährige hat einiges bewegt.

Als Raffainer am 1. Februar 2015 das Amt übernahm, wurde er quasi ins kalte Wasser geworfen. Zu Beginn der Saison hatte er noch für die GCK Lions in der damaligen NLB gespielt. Er zog sich jedoch in der dritten Partie auswärts gegen Ajoie seine vierte Hirnerschütterung zu und beendete daraufhin die Karriere. "Ich hatte null Erfahrung in der Personalführung und plötzlich durfte ich einen riesigen Laden führen", blickt Raffainer zurück. Insofern musste er in die Aufgaben hineinwachsen. "Früher schaute ich mehr, dass die Nachtruhe-Zeiten eingehalten werden und und und. Mittlerweile bin ich diesbezüglich gelassener geworden. Ich merkte, dass die heutige Generation unglaublich diszipliniert ist und andere Sachen im Umfeld stimmen müssen."

Nach Raffainers Anstellung im Verband gab es durchaus negative Stimmen. Die Kritiker sind mittlerweile verstummt, auch jene, welche die Einsetzung von Patrick Fischer als Nationalcoach nicht verstanden haben. "Es wäre einfacher gewesen, einen ausländischen Trainer einzusetzen", sagt Raffainer. "Das Paket Patrick Fischer stimmte jedoch für mich. Als er auf den Markt kam (er wurde am 22. Oktober 2014 bei Lugano entlassen, die Red.), war ich Feuer und Flamme. Die Art und Weise, wie er Eishockey spielen lässt, wie er führt und kommuniziert, ist für mich das, was einen modernen Trainer ausmacht, gerade in Europa, wo die Kommunikation und die sozialen Kompetenzen sehr wichtig sind, vor allem bei der jüngeren Generation."

Der Mut hat sich ausbezahlt. Nachdem die Schweizer an der WM vor einem Jahr erst im Final im Penaltyschiessen an Schweden gescheitert waren, sind sie auch in Bratislava auf einem guten Weg. Nach vier Siegen in den ersten vier Partien haben sie die dritte Viertelfinal-Qualifikation in Serie an diesem Turnier praktisch auf sicher. Die guten Leistungen haben auch mit den eingeführten Prospect-Aktivitäten und der Aufgebotspolitik während der Saison zu tun, bei der viele junge Spieler eine Chance erhalten. "Dadurch schufen wir, in Zusammenarbeit mit den Vereinen, eine Breite, die es uns ermöglicht, viel besser auf Verletzungen und Absagen zu reagieren. Momentan sind relativ viele Spieler fähig, auf diesem Niveau zu bestehen", so Raffainer.

Die Anerkennung, die dem Schweizer Eishockey mittlerweile entgegengebracht wird, spürte er vom ersten Tag an als Nationalmannschafts-Direktor. Selbst Topnationen würden sich fragen, "wie wir das mit so wenig Eisbahnen und so wenig Lizenzierten machen. Ich wurde von Anfang an als Weltmeister der Kleinen bezeichnet. Die Anerkennung war international immer viel grösser als national. Wir Schweizer sind wahnsinnig kritisch mit uns selber, hinterfragen alles, vergleichen uns mit den Top-Nationen. Das ist aber auch gut und treibt uns an."

Schwieriger Spagat zwischen Sport und Ausbildung

Ein Fakt ist aber, dass sich die Schweiz im Vergleich zu den besten Teams zunächst einen Rückstand einhandelt. Raffainer: "Das grösste Potenzial haben wir auf den Stufen U9 bis U15. Wenn wir beginnen, international zu spielen, ist die Lücke zu den Top-Nationen riesig. Das ist erkannt. Es ist jedoch ein Prozess, der nicht von heute auf morgen erledigt ist. Die Entwicklung zeigt aber in die richtige Richtung, dass Strukturen geschafft werden, in denen die Kinder beim Sport bleiben. Das Problem ist allerdings, dass das Geld meistens in die Spitze fliesst. Insofern muss der Verband eine noch wichtigere Rolle bei der Erfassung übernehmen." Zu früh dürfe diese aber nicht erfolgen, da es grosse Unterschiede in der Entwicklung gebe.

Dass die Schweizer erst nach der U18 aufholen, liegt für Raffainer auch im Schulsystem begründet: "Es ist für unsere Jungen immer noch ein riesiger Spagat, um eine Ausbildung zu machen und sich gleichzeitig auf den Spitzensport vorzubereiten. Das ganze Sportsystem wird in unserem Schulsystem zu wenig berücksichtigt im Vergleich mit anderen Ländern." Darunter leidet die Erholung, die ein entscheidender Faktor für eine gute Entwicklung ist. Sobald die Spieler dann in professionelle Strukturen kommen, "machen wir einen riesigen Sprung", so Raffainer.

Das unterstreichen die beiden WM-Silbermedaillen 2013 und 2018. Trotz der guten Perspektiven und obwohl die WM 2020 in Zürich und Lausanne stattfindet, entschied sich Raffainer, den Verband zu verlassen und Sportchef in Davos zu werden. "Für mich war relativ früh klar, dass ich irgendwann zu einem Verein gehen möchte." Zunächst gilt aber die volle Konzentration der WM in der Slowakei. Schliesslich sind die Aussichten auf einen weiteren Exploit gut.

(sda)

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