Benjamin Siegrist liess sich auf den Unterarm "Always Believe" stechen - "als Erinnerung an mich selbst". (Foto: Zanghellini)
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Liechtenstein|17.06.2016 (Aktualisiert am 17.06.16 12:16)

Ein neues Kapitel im Karrierebuch

VADUZ - Nach lehrreichen, aber aufgrund von Verletzungen auch schwierigen Jahren in England ist Benjamin Siegrist zurück im Schweizer Fussball. Die Geschichte eines U17-Weltmeisters, der nun im Tor des FC Vaduz sein Glück sucht.

Benjamin Siegrist liess sich auf den Unterarm "Always Believe" stechen - "als Erinnerung an mich selbst". (Foto: Zanghellini)

VADUZ - Nach lehrreichen, aber aufgrund von Verletzungen auch schwierigen Jahren in England ist Benjamin Siegrist zurück im Schweizer Fussball. Die Geschichte eines U17-Weltmeisters, der nun im Tor des FC Vaduz sein Glück sucht.

Kürzlich begann die «Birmingham Mail» einen Artikel mit den Worten «Benjamin Siegrist’s English dream is over». Der Traum von der Karriere in England sei für ihn zu Ende – «for now at least», zumindest fürs Erste, wie der Autor anfügte.

In der Tat kehrte Benjamin Siegrist dem englischen Fussball in diesem Sommer zum ersten Mal den Rücken – nach sieben Jahren in jenem Land, das gerne auch als Mutterland des Fussballs bezeichnet wird. Nach sieben Jahren, in denen Siegrist vergeblich versuchte, den Durchbruch zu schaffen. Und das, obwohl ihm nach dem U17-Weltmeistertitel im Jahr 2009 eine rosige Zukunft als Fussballer vorausgesagt worden war. Eine, wie sie derzeit ein Granit Xhaka, ein Ricardo Rodriguez, ein Haris Seferovic oder manch anderer seiner damaligen U17-Teamkollegen lebt. Doch die Geschichte von Benjamin Siegrist ist eine andere. Eine, die wieder einmal belegt, dass es eben doch viel braucht, in erster Linie Glück und Gesundheit, um ganz oben im Fussballolymp anzukommen. Genau dort sahen ihn viele Kritiker bereits, als er 2009 in Nigeria Eckpfeiler der Schweizer Weltmeisterequipe war.

Tatsächlich schien die Karriere des damals 17-jährigen Jungen aus Bottmingen im Kanton Baselland so richtig Fahrt aufzunehmen. Nur wenige Monate, nachdem er den Sprung vom FC Basel zu Aston Villa gewagt hatte, hatte Siegrist an der WM als Stammkeeper massgeblichen Anteil am sensationellen Erfolg. Er hielt gegen Neymars Brasilien den Kasten sauber und feierte auch gegen Mario Götzes Deutschland einen Sieg. Dass er nach dem gewonnenen Finale gegen Gastgeber Nigeria (1:0) auch noch den goldenen Handschuh als Auszeichnung für den besten Keeper des Turniers erhielt, durfte er als persönliche und verdiente Krönung eines fantastischen Abenteuers betrachten.

Seine Erinnerungen an die erste Halbzeit des U17-WM-Finales sind kaum mehr vorhanden

Als abenteuerlich könnte man auch seinen Auftritt im Endspiel, vor 60 000 Zuschauern, beschreiben. In der achten Minute wurde er vom nigerianischen Stürmer Sani Emmanuel am Kopf getroffen. Minutenlang musste er behandelt werden, konnte dann jedoch weiterspielen. Wie heftig der Zusammenprall in Wirklichkeit war, stellte sich erst später heraus. An die erste Halbzeit erinnert sich Siegrist heute kaum mehr. «Ich weiss nur noch, wie wir vor dem Finale aus dem Bus gestiegen sind und wie wir uns danach aufgewärmt haben.» Er habe einige Minuten gebraucht, ehe er sich im Spiel wieder orientieren konnte. Dass er die Partie letztlich bis zum Schluss durchzog, habe wohl einerseits am vielen Adrenalin gelegen und andererseits daran, dass er sich nach der Pause merklich besser fühlte. Heute erzählt er diese Anekdote mit einem Lachen im Gesicht. Man spürt, die Ereignisse in Nigeria werden immer einen besonderen Platz in seiner Karriere einnehmen. Den goldenen Handschuh sicherte sich damals übrigens seine Grossmutter. «Sie wollte ihn unbedingt haben», so Siegrist, «bei ihr ist er gut aufbewahrt.»

Gemessen am Erfolg ist der Gewinn des WM-Titels und der Torhüterauszeichnung bislang der absolute Höhepunkt in Siegrists fussballerischer Laufbahn. Das hängt auch damit zusammen, dass es in den letzten sieben Jahren das Schicksal nicht immer ganz gut mit ihm meinte. Immer wieder warfen ihn langwierige Verletzungen zurück. Erst waren da die Leistenprobleme auf der rechten Seite – Operation. Dann das gleiche auf links – wieder eine Operation. Trotzdem spielte er auch danach noch «fünf, sechs Monate» mit Schmerzen. Es folgte also auch noch eine dritte OP, diesmal ein «grösserer Eingriff», wie er berichtet. Und immerhin: Seither klagt Siegrist nicht mehr über Beschwerden im Leistenbereich. Doch damit sollte die Verletzungs-odyssee noch nicht beendet sein: Just als er sich nach der «Leisten-Geschichte», wie er sie nennt, zurückkämpfen wollte, folgte der nächste Rückschlag: 2015 brach er sich eines Montagmorgens im Training das Wadenbein. Wieder fiel er lange aus, wieder verbrachte er mehr Zeit im Aufbautraining statt zwischen den Pfosten, wo er doch nur zu gern sein Potenzial einmal über einen längeren Zeitraum unter Beweis gestellt hätte. «Das Schlimmste ist, wenn du siehst, wie deine Kollegen auf den Platz rausgehen und du drinnen bleiben und dich immer und immer wieder mit simplen Übungen zurückkämpfen musst», erzählt Siegrist, «das ist nicht wahnsinnig lustig.»

Natürlich habe es solche «Warum ich?»-Momente gegeben, auch einmal ein paar Tränen. «Man könnte sagen, ich hatte einfach viel Pech – oder was auch immer», meint er. Doch mit den Fragen nach dem «Wieso» habe er sich schon wenige Tage nach den jeweiligen Rückschlägen nicht mehr beschäftigen wollen. Irgendwann werde einem bewusst, dass man genau zwei Möglichkeiten habe: «Entweder du sitzt deprimiert herum. Oder du sagst: Okay, ich mache das Beste daraus. Und je präziser du die Aufbauübungen machst, desto schneller machst du Fortschritte und desto schneller verbessert sich deine Laune.» Geholfen habe ihm zudem, dass er nach dem Beinbruch im letzten Jahr jemanden an der Seite hatte, den er heute als seinen besten Freund bezeichnet. Jores Okore, Innenverteidiger bei Aston Villa und dänischer Nationalspieler. Auch er befand sich nach einer schweren Knieverletzung im Aufbautraining.

Das Unterarm-Tattoo "Always Believe" ist eine "Erinnerung an mich selbst"

Es ist zum einen dieser Unterstützung seines Umfelds und zum anderen seiner positiven Lebenseinstellung zu verdanken, dass sich Siegrist trotz sich wiederholender Rückschläge nicht unterkriegen liess. Rücktrittsgedanken habe er nie gehabt. Auch diesbezüglich hat er eine Anekdote parat: «Vor Kurzem habe ich etwas über Shkodran Mustafi gelesen.» Er erzählt, dass auch der deutsche Nationalspieler in seiner Karriere zwischenzeitlich nicht wirklich weiterkam, etwa als er drei Jahre lang in der U21 bei Everton hängenblieb. «Ich habe gelesen, er habe damals keinen Bock mehr auf Fussball gehabt – das war bei mir nie der Fall.»
Zu stark war sein Verlangen, seiner Leidenschaft weiterhin nachgehen zu können. Auch deshalb liess er sich im vergangenen Jahr, wenige Monate nach dem Beinbruch, das Tattoo «Always Believe» auf den Unterarm stechen – «als Erinnerung an mich selbst, dass ich immer an mich glaube».

Nun, nach sieben Jahren in England, wo er insgesamt vier Mal ausgeliehen wurde und für Aston Villa nie zu einem Premier-League-Einsatz kam, ist er zurück im Schweizer Fussball. Dass viele seiner damaligen Teamkollegen aus dem U17-Weltmeisterteam heute bei grossen europäischen Vereinen eine wichtige Rolle spielen, freut ihn. Frust, dass er bisher nicht dasselbe geschafft hat, habe er keinen. «Ich kann mich selber nicht mit jemandem vergleichen, der einen anderen Weg eingeschlagen hat», sagt Siegrist. «Die Karriere ist wie ein Buch. Andere sind schon bei Kapitel 30 angelangt, ich jedoch befinde mich erst bei Kapitel 15.» Der Wechsel zum FC Vaduz, bei dem er einen Zweijahresvertrag unterschrieben hat, erachtet er als Chance. Als Chance, in seiner eigenen Geschichte ein neues Kapitel zu schreiben. Die Erfahrungen, die er in Birmingham bei Aston Villa oder bei Burton Albion, Cambridge United, Solihull oder den Wycombe Wanderers gemacht hat, würden ihm dabei helfen.

Er hat zwar England, das Land, in dem er erwachsen wurde, den Rücken zugekehrt. Doch nur, weil ihm dort der grosse Exploit nicht gelingen wollte, betrachtet er seine Auslandsmission nicht als gescheitert. Im Gegenteil: «Es hat noch keinen Tag gegeben, an dem ich mir gewünscht hätte, ich wäre nie weggezogen.» Die Trainings mit lebenden Torhüterlegenden wie Brad Friedel (ex-Tottenham, Liverpool) oder Shay Given (ex-Newcastle, Manchester City) würden ihm immer in Erinnerung bleiben. «Ich habe sehr viel Zeit mit ihnen verbracht – und auch dementsprechend viel profitiert.»

In Vaduz, so seine Hoffnung, möchte er nun das auf der britischen Insel Gelernte zeigen – so oft wie möglich. Und endlich einmal, ohne immer wieder von Verletzungen aufgehalten zu werden. Den Konkurrenzkampf mit Peter Jehle auf der Torhüterposition des FCV geht er professio­nell an. «Natürlich wollen wir beide spielen, aber wir kommen sehr gut miteinander aus und werden versuchen, uns gegenseitig zu pushen.»

Benjamin Siegrist hat mit seinen erst 24 Jahren noch viel Zeit, seinem Karrierebuch weitere Kapitel hinzuzufügen. Und womöglich findet eines Tages weiter hinten in seiner Geschichte sogar sein «English dream» eine Fortsetzung.

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Benjamin Siegrist liess sich auf den Unterarm "Always Believe" stechen - "als Erin­nerung an mich selbst". (Foto: Zanghel­lini)
(mp)

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