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Wolfgang F. Danspeckgruber. (Foto: Paul Trummer)
Politik
Liechtenstein|19.11.2015

«Die Krisen sind in den Schlafzimmern der Europäer angekommen»

VADUZ - Wolfgang F. Danspeckgruber ist Konfliktforscher und Syrienexperte. Mit dem «Volksblatt» hat er während seines Besuches in Liechtenstein über die Flüchtlinge in Europa, den Syrienkonflikt und den Umgang mit der Terrormiliz Daesh (ISIS) gesprochen.

Wolfgang F. Danspeckgruber. (Foto: Paul Trummer)

VADUZ - Wolfgang F. Danspeckgruber ist Konfliktforscher und Syrienexperte. Mit dem «Volksblatt» hat er während seines Besuches in Liechtenstein über die Flüchtlinge in Europa, den Syrienkonflikt und den Umgang mit der Terrormiliz Daesh (ISIS) gesprochen.

«Volksblatt»: Herr Professor Danspeckgruber, Sie haben an der Diskussionsveranstaltung «Syrien (b)rennt» an der Universität Liechtenstein teilgenommen, die sich mit dem Syrienkonflikt und den Flüchtlingsbewegungen nach Europa beschäftigt hat. Was ist notwendig, um eine Verschlechterung der Situation der Flüchtlinge in Europa zu verhindern?
Wolfgang Danspeckgruber: Wir müssen sofort – nicht erst in 18 Monaten – alles Mögliche für einen Waffenstillstand unternehmen, wir müssen sofort alles unternehmen, den Leuten in der Region – in Syrien und den Lagern – wirklich zu helfen. Niemand hat gefragt, wieso die Flüchtlingsströme jetzt zunehmen. Es passiert gerade jetzt, weil die Hilfsorganisationen vor Ort seit dem Frühjahr 2015 kein Geld mehr haben, weil die Türkei und andere Akteure mit den Flüchtlingen Politik betreiben und weil die Leute in der Region keinerlei Hoffnung auf ein Ende der Kampfhandlungen haben. Meines Erachtens brauchen wir hier eine dreiteilige Antwort. Wir müssten erstens aktiv, gegebenenfalls auch mit Bodentruppen in die Region gehen, um aktiv zu helfen. Ihnen einfach Geld zu geben und zu glauben, die werden das schon irgendwie organisieren, wird nicht funktionieren. Zweitens muss die internationale Gemeinschaft zusammenarbeiten und wirklich einen Kompromiss und eine gemeinsame Haltung aller finden. Zum Dritten müssen die Regierenden in Europa kooperieren, um die Flüchtlingssituation in Europa zu koordinieren. Die Schliessung der Grenzen ist keine Lösung, sondern das Rezept für ein weiteres Desaster. Je mehr wir die Grenzen zum Balkan hin abriegeln, desto wahrscheinlicher wird es, dass dieser explodiert.



Am Wochenende hat die Thematik durch die Anschläge in Paris eine weitere Facette dazugewonnen. Der IS-Terror ist nun – deutlicher denn je – in Europa angekommen. Es verging kein Tag, da wurden bereits Stimmen laut, die meinten, dass dies den Flüchtlingsbewegungen nach Europa geschuldet ist und Forderungen nach der Einschränkung oder gar dem Stopp der Migration wurden gestellt. Welche Auswirkungen hat Paris auf die allgemeine Stimmung gegenüber den Flüchtlingen aus dem Nahen Osten?
Die Auswirkungen im Bereich der öffentlichen Meinung werden ziemlich gross sein. Ich muss aber sagen: Ich bin alt genug, dass ich Terror in Europa schon erlebt habe. Sei es in Bologna in den 1970er-Jahren, in Irland und Grossbritannien in den 1980ern und 1990ern oder auch Madrid und London in der näheren Vergangenheit. Terror ist eigentlich nichts Neues in Europa. Was neu ist, ist die Dimension und gleichzeitig auch die Geschwindigkeit der Verbreitung der Informationen sowie das damit entstehende Gefühl der Leute, dass die Krisen in ihren eigenen Schlafzimmern angekommen sind. Es ist nun an den Regierenden und an den Medien, die Auswirkungen möglichst kontrolliert zu halten. Wichtig ist jetzt auch, dass wir nicht verallgemeinern und sagen, es ist islamischer Terror und es sind einfach alle Moslems. Diese Personen, die diese Terrorakte begehen und darin involviert sind, sind Verbrecher! Ich bin überzeugt, dass der Grossteil der Moslems sich gegen sie stellt. Es gilt bedacht zu reagieren, denn umso mehr kurzsichtige, emotionale Reaktionen hervorgerufen werden, desto sicherer können die Terroristen sagen: Wir gewinnen. Und ich bin überzeugt, dass dies nicht der letzte Terrorakt in Europa sein wird.

In Syrien und der Umgebung wie zum Beispiel in Beirut sterben seit Jahren Menschen durch Krieg und Terror. Das mag jetzt vielleicht zynisch klingen, aber denken Sie, dass es diese rund 130 Toten in Frankreich nun wirklich gebraucht hat, damit Europa sagt: «Wir arbeiten jetzt zusammen und versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden. Für Syrien und die Flüchtlingskrise»?
Das ist gar keine zynische Frage. Es gibt immer wieder entscheidende Ereignisse. Wir hatten im Balkankrieg ein Foto, das jemand hinter Stacheldraht zeigte und stark an die NS-Konzentrationslager erinnerte. Das Bild vom toten Flüchtlingskind am Strand ging um die Welt. Diese Ereignisse haben die Menschen bewegt. Es ist verheerend, was in Paris geschehen ist und für mich auch sehr persönlich, denn am Wochenende zuvor waren meine beiden Töchter genau in dieser Gegend unterwegs. Ich hoffe nur, dass dies nun eine verstärkte Zusammenarbeit bewirkt. Ich hoffe aber auch sehr, dass diese Zusammenarbeit überlegt und nachhaltig und nicht von der Hüfte geschossen ist. Man sollte nicht ein paar Bomben abwerfen und sagen, man habe jetzt reagiert, sondern die Reaktion sollte im wohlüberlegten Durchdenken der Situation, Planen und der nachhaltigen Lösungen bestehen.

Das vollständige Interview lesen Sie im „Volksblatt“ vom Donnerstag (19. November 2015).

(alb)

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