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S.D. Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein im Interview. (Fotos: Michael Zanghellini)
Politik
Liechtenstein|23.01.2019 (Aktualisiert am 14.02.19 09:20)

«Als ‹Republik Oberrheintal› hätten wir sicherlich nicht überlebt»

VADUZ - Das «Volksblatt» hat sich zum 300-Jahr-Jubiläum von Liechtenstein mit S.D. Fürst Hans-Adam II. zu einem Gespräch über unsere Geschichte mit Blick auf die bewältigten Herausforderungen getroffen. Dabei war Liechtenstein über die Jahrhunderte nicht nur das Glück hold – auch das Fürstenhaus hat einen immensen Beitrag zur Souveränität des Landes geleistet.

S.D. Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein im Interview. (Fotos: Michael Zanghellini)

VADUZ - Das «Volksblatt» hat sich zum 300-Jahr-Jubiläum von Liechtenstein mit S.D. Fürst Hans-Adam II. zu einem Gespräch über unsere Geschichte mit Blick auf die bewältigten Herausforderungen getroffen. Dabei war Liechtenstein über die Jahrhunderte nicht nur das Glück hold – auch das Fürstenhaus hat einen immensen Beitrag zur Souveränität des Landes geleistet.

«Volksblatt»: Durchlaucht, was bedeutet das 300-Jahr-Jubiläum für Sie – feiern Sie eher ausgelassen oder besinnlich?
Hans-Adam II.: Weder noch. Dass wir ein 300-Jahr-Jubiläum feiern können, bedeutet, dass wir in diesem unruhigen Kontinent Europa innerhalb unserer Grenzen überleben konnten. Andere Staaten sind untergegangen, neue sind entstanden, Grenzen haben sich immer wieder verschoben. Liechtenstein ist meines Wissens der einzige Staat weltweit, der 300 Jahre innerhalb seiner Grenzen überlebt hat. Andere Staaten mögen älter sein, aber deren Grenzen haben sich immer wieder nicht zuletzt aufgrund kriegerischer Ereignisse verschoben.

Ihr Vorgänger Fürst Anton Florian hat die Gründung Liechtensteins mit der Vereinigung der Herrschaft Schellenberg und der Grafschaft Vaduz vor 300 Jahren vorangetrieben. Aus gutem Grund, nehme ich an?
Es war eine politische Entscheidung für den damaligen Fürsten, um den Einfluss im Heiligen Römischen Reich auszubauen. So hat man sich den Sitz im Reichsfürstenrat und eine zusätzliche Stimme für die Wahl des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches gesichert.

«Der Kauf von Schellenberg und Vaduz ist damals nicht gross ins Gewicht gefallen.»

Fürst Hans-Adam II.
Fürst Hans-Adam II.

Imperien kommen und gehen, so war es auch beim Heiligen Römischen Reich. Dies hätte das vorzeitige Ende von Liechtenstein bedeuten können. Weshalb ist das nicht passiert?
Es war entscheidend, den Zusammenbruch des Heiligen Römischen Reiches zu überleben. Der damalige Fürst Johann I. wurde als grosser Feldherr angesehen – auch von seinen Feinden, allen voran Napoleon. Die Fürstenfamilie bezahlte und unterhielt aufgrund ihres Reichtums zudem eigene Truppen mit guter Ausrüstung. Das wollte Napoleon für sich nutzen. Liechtenstein wurde von Napoleon in den von ihm gegründeten Rheinbund übernommen, um zwischen dem Habsburger Kaiser und dem Fürsten einen Keil zu treiben, was ihm tatsächlich auch gelungen ist.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zerfiel auch Napoleons Reich und das seiner Nachfolger. Wiederum konnte Liechtenstein seine Souveränität behalten. Was war der Grund?
Die Gründung Deutschlands unter der Führung von Preussen um 1866 war für Liechtenstein eine weitere Hürde, die es zu überwinden galt. Die allermeisten anderen kleineren Staaten in Mitteleuropa, die das napoleonische Zeitalter überlebt haben, sind damals von der Weltkarte verschwunden. Ihre Titel haben die adligen Häuser zwar behalten dürfen, de facto sind auch starke Königreiche wie Württemberg oder Bayern in das sogenannte Zweite Deutsche Reich integriert worden – mit der Ausnahme von Liechtenstein. Bei dieser bismarckschen Einigungsbestrebung spielte für Liechtenstein vor allem das geografische Glück mit. Auf der einen Seite war das Habsburgerreich und auf der anderen Seite die Schweiz, die beide nicht in das Zweite Deutsche Reich integriert wurden. Wenn Liechtenstein in der Nähe von Berlin gelegen wäre, dann würde es unser Land heute auf jeden Fall nicht mehr geben.

«Wenn Liechtenstein in der Nähe von Berlin gelegen wäre, dann würde es unser Land heute auf jeden Fall nicht mehr geben.»

Fürst Hans-Adam II.

Wenig später – anno 1868 – löste Liechtenstein sein Militär auf. Eine gewagte Entscheidung mit Blick auf unsere Souveränität?
Aufgrund unserer Mitgliedschaft im Heiligen Römischen Reich, dem Rheinbund und schliesslich dem Deutschen Bund musste man ein Militärkontingent stellen. Die Truppe wäre viel zu klein gewesen, um das Fürstentum in einem Krieg zu verteidigen. Durch die Auflösung des Militärs war es leichter, in Konflikten neutral zu bleiben, und die Souveränität mit Diplomatie zu verteidigen.

Hannes Matt von der «Volksblatt»-Chefred­aktion im Gespräch mit S.D. Fürst Hans-Adam II. auf Schloss Vaduz.

Dann sind wir dann schon bei der nächsten grossen Bedrohung für unser Land, wobei eine Armee in Liechtensteins Grössenmassen auch nicht viel genützt hätte: Dem Dritten Reich mit Adolf Hitler an der Spitze. Was hat uns vor den Nazis gerettet?
Nach der Eingliederung Österreichs in Nazi-Deutschland bestand natürlich die Gefahr, dass auch Liechtenstein übernommen wird. Hier war unser Glück, dass sich Adolf Hitler in seiner Wiener Zeit als Maler öfters im Gartenpalais Liechtenstein aufhielt, um Bilder zu kopieren. Das dort beheimatete Museum war damals öffentlich zugänglich. So ist die Fürstliche Familie für Hitler durchaus ein Begriff gewesen. Später hat der Führer des Dritten Reichs eine schützende Hand über Liechtenstein gehalten, auch als andere Grössen des Reichs einen Anschluss Liechtensteins wollten. Wohl waren zwei weitere Gründe für Hitler entscheidend, das Land nicht anzugreifen: Zum einen war Liechtenstein sowohl wirtschaftlich wie militärisch-strategisch uninteressant – zum Zweiten wollte Adolf Hitler mit der Respektierung der Souveränität unseres Kleinstaates der Staatengemeinschaft seine friedlichen Absichten vortäuschen zu einem Zeitpunkt, als er den Überfall auf Polen und Frankreich vorbereitete. Deshalb hat er meinen Vater, Fürst Franz-Josef II., 1938 auch nach Berlin eingeladen.

Hat Ihr Vater Beziehungen zu Adolf Hitler gepflegt, um Liechtenstein zu schützen?
Das war nicht notwendig, da Hitler, wie erwähnt, kein Interesse hatte, Liechtenstein zu besetzen. Ein Anschluss Liechtensteins wäre weder politisch, militärisch noch wirtschaftlich sinnvoll gewesen.

Fürst Hans-Adam II.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es wirtschaftlich steil aufwärts. Wovon konnte Liechtenstein profitieren?
Es gab schon vorher Bestrebungen, die Industrialisierung voranzutreiben und sich Zugänge zu den gros­sen Märkten zu sichern. Hier ist etwa der Zollvertrag mit Österreich-Ungarn zu nennen, der wiederum aufgrund des Einflusses der Fürstenfamilie möglich wurde.
Nach dem Zusammenbruch von Österreich-Ungarn kam dann die Annäherung an die Schweiz. Ein weiterer Grund, wieso wir den Zweiten Weltkrieg so unbeschadet überstehen konnten. Der Schweizer Franken war damals eine der wenigen sicheren Währungen, was auch entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg Liechtensteins war. Dafür sind wir der Schweiz sehr dankbar.
Abgesehen von den Wirtschaftsverträgen, zuerst mit dem Kaiserreich Österreich-Ungarn und dann mit der Schweiz, haben meine Vorfahren auf eine gute Ausbildung der Bevölkerung und niedrigen Steuern Wert gelegt. Liechtenstein war von Natur aus ein sehr armes Land. Um es wirtschaftlich zu entwickeln und Investoren aus dem In- und Ausland zu bewegen, in Liechtenstein zu investieren, waren die Wirtschaftsverträge, niedrige Steuern, ein funktionierender Rechtsstaat und eine gut ausgebildete Bevölkerung notwendig.

Fürst Hans-Adam II.

Das Fürstenhaus Liechtenstein gibt es ja schon etwas länger als unser Land, nämlich schon rund 900 Jahre. Gab es bei Ihren Vorfahren eine Art Leitspruch?
Nein.

Weshalb konnte sich das Fürstenhaus knapp ein Jahrtausend behaupten?
Das hängt damit zusammen, dass das Haus Liechtenstein dank der Hausgesetze klar geregelte Familienverhältnisse hatte und schon immer wirtschaftlich erfolgreich war. Es war auch die Grundlage für die politischen Erfolge.

Einem Kurs, dem Sie mit der Reorganisation des fürstlichen Vermögens nach dem Zweiten Weltkrieg gerne gefolgt sind?
Es wurde mir von den Eltern so vorgegeben. Meinen Namen habe ich entsprechend dem Fürsten Hans-Adam I. erhalten. Dieser hat nach dem Dreissigjährigen Krieg (1618 bis 1648) das Fürstliche Vermögen wiederaufgebaut. Interessanterweise, wie auch ich, mit Bank- und Kreditgeschäften, was für einen katholischen Fürsten damals doch eher ungewöhnlich war.

«Das Haus Liechtenstein war schon immer wirtschaftlich erfolgreich. Dies war auch die Grundlage für die politischen Erfolge.»

Fürst Hans-Adam II.

Da hat man Ihnen sicherlich keine leichte Aufgabe in die Wiege gelegt?
Nein. Ich war noch sehr jung – 24 Jahre alt – und hatte gerade die Universität in St. Gallen abgeschlossen. Obschon ich von meinem Vater die Vollmacht zur Reorganisation des Vermögens erhalten habe, waren die Widerstände bei meinen Verwandten gross. Mit der Unterstützung meiner Frau, meiner Eltern und Geschwister konnte ich mich durchsetzen. Das war auch notwendig, denn das Fürstliche Vermögen stand kurz vor dem Konkurs.

Fürst Hans-Adam II.

Auch hierzulande mussten Sie sich als Staatsoberhaupt gegen Widerstände durchsetzen, etwa mit Blick auf Liechtensteins Aussenpolitik. Wie kam es dazu?
Die liechtensteinische Aussenpolitik war in der Familie immer schon Thema. Ich habe mich bereits 1963 für eine Mitgliedschaft Liechtensteins in der UNO eingesetzt – nach einem Praktikum im amerikanischen Senat. Und zwar auf Anraten von Senator Claiborne Pell, der in der aussenpolitischen Kommission des Senates sass, und der ein Freund meiner Familie war. Es zeichneten sich damals Bestrebungen ab, Staaten, die kleiner sind als Luxemburg, keine Vollmitgliedschaft in der UNO zuzugestehen. Nach meinem Praktikum in Washington musste ich wieder zurück ins Internat in die Schweiz, aber soviel ich weiss, waren damals Regierung und Landtag dagegen – unter anderem auch, weil die Schweiz zu der Zeit nicht Mitglied der UNO war. Anfang der 70er-Jahre habe ich dann im Auftrag meines Vaters und mit Zustimmung der Regierung Sondierungsgespräche mit den Vetomächten geführt und erreicht, dass sie einer Vollmitgliedschaft Liechtensteins bei der UNO keine Hindernisse mehr in den Weg legen. Leider waren dann Regierung und Landtag wiederum gegen eine Mitgliedschaft Liechtensteins in der UNO. 1990 habe ich dann der Regierung und dem Landtag mitgeteilt, dass ich aufgrund der Verfassung ihre Zustimmung zu einer UNO-Mitgliedschaft nicht benötige, solange ich auch die Kosten übernehme. Ich würde dann auch alleine bestimmen, wer uns in der UNO vertritt, und welche Politik wir dort verfolgen werden.

Und weshalb haben Sie diesen Kurs so zielstrebig verfolgt?
Nach dem Ersten Weltkrieg ist der Versuch Liechtensteins, in den Völkerbund aufgenommen zu werden, bekanntlich gescheitert. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die europäische Integration auf wirtschaftlicher und politischer Ebene, und da war es ganz entscheidend, dass unsere Souveränität international anerkannt wird. Die liechtensteinischen Politiker, die sich in der Regel für die Aussenpolitik nicht interessiert haben, waren damals der Meinung, dass wir die gleiche Aussenpolitik wie die Schweiz verfolgen müssen, und dass diese uns international sehr gut vertritt.

Fürst Hans-Adam II.

Wenn Sie heute zurückblicken: Können Sie zufrieden sein mit dem Erreichten als Staatsoberhaupt?
Ja. Der erste und wichtigste Schritt war die Reorganisation und der Wiederaufbau des Fürstlichen Vermögens. Nur das konnte uns längerfristig die politische Unabhängigkeit absichern. Nach dem UNO-Beitritt war auch die Mitgliedschaft im EWR wichtig, um den liechtensteinischen Unternehmen einen möglichst reibungslosen Zugang zu den europäischen Märkten zu sichern. Die politischen Auseinandersetzungen um den EWR-Beitritt haben zu Diskussionen um die Verfassung geführt, und auch da konnte ich meine Vorstellungen sowie die Vorstellungen des Erbprinzen bezüglich einer Verfassungsreform weitestgehend umsetzen. Wichtig war auch noch die Reform unseres Hausgesetzes, woran verschiedene Fürsten in den vergangenen 200 Jahren immer wieder gescheitert sind.

Fürst Hans-Adam II.

Glauben Sie, dass es unser duales System – Fürst und Volk – auch in 300 Jahren noch geben wird?
Ich hoffe doch. Es hat zweifellos grosse Vorteile, wie auch der Lauf unserer Geschichte bestätigt hat: Als «Republik Oberrheintal» hätte Liechtenstein als Land sicherlich nicht überlebt. Das Fürstenhaus konnte aufgrund seiner internationalen Verbindungen doch vieles erreichen und die Position des Landes stärken. Ich bin sehr zuversichtlich, dass uns dies auch in der Zukunft gelingt.

Nicht alle sehen das so. Wie stehen Sie zu Kritik an der Monarchie?
Das zeigt nur, dass wir eine lebendige Demokratie sind. Die verschiedenen Abstimmungen der Vergangenheit haben gezeigt, dass die Monarchie-Kritiker eine kleine Minderheit sind.

Darf das Land Liechtenstein weiterhin mit dem Fürstenhaus rechnen?
Ja, solange eine Mehrheit der Stimmberechtigten ein Fürstentum Liechtenstein wünscht.

Wo sehen Sie das Fürstentum Liechtenstein in 300 Jahren?
Ich hoffe, dass es das Fürstentum Liechtenstein noch in 300 Jahren gibt. Das hängt nicht nur von der innenpolitischen Situation im Land ab, sondern auch von der aussenpolitischen in Europa und in der Welt. Ganz entscheidend ist für unser kleines Land der freie Handel, nicht nur in Europa, sondern weltweit – nicht zuletzt um Waren und Dienstleistungen zu exportieren, damit wir uns die Importe von Nahrungsmitteln, Dienstleistungen und Waren leisten können, die wir hier im Land nicht selber produzieren können.

Fürst Hans-Adam II.
(hm)

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