Stefan Breit, Jürg Senn, Daniel Risch, Christian Vögel, Daniel Ganser und Harry Künzle (von links) warfen einen Blick in die Zukunft und diskutierten darüber, wie die Energiewelt in Liechtenstein 2050 aussehen könnte. (Foto: Nils Vollmar)
Politik
Liechtenstein|23.08.2018 (Aktualisiert am 23.08.18 23:28)

«Enterprise» als Vorbild für Liechtensteins Energievision 2050

SCHAAN - Die Energievision 2050 ist in der Mache, erstmals durfte sich auch die Bevölkerung in einer Impulsveranstaltung einen Einblick in die künftigen Herausforderungen verschaffen. Zumindest die Anwesenden schienen dafür bereit zu sein.

Stefan Breit, Jürg Senn, Daniel Risch, Christian Vögel, Daniel Ganser und Harry Künzle (von links) warfen einen Blick in die Zukunft und diskutierten darüber, wie die Energiewelt in Liechtenstein 2050 aussehen könnte. (Foto: Nils Vollmar)

SCHAAN - Die Energievision 2050 ist in der Mache, erstmals durfte sich auch die Bevölkerung in einer Impulsveranstaltung einen Einblick in die künftigen Herausforderungen verschaffen. Zumindest die Anwesenden schienen dafür bereit zu sein.

Wovor vor über 50 Jahren die Macher der Serie «Startrek» standen – sich eine mögliche und weit entfernte Zukunft auszudenken –, steht heute auch die Regierung, insbesondere Regierungschef-Stellvertreter Daniel Risch. Mit dem Unterschied, dass es sich nicht um Fiktion handelt, sondern ein möglich realistisches Szenario der (Energie)welt im Jahre 2050. Wie schwierig das ist, zeigt das Beispiel Raumschiff «Enterprise» aber auch: Während drahtlose Kommunikationsgeräte in der Form von Smartphone tatsächlich Realität geworden sind, sind wir von Beamen beziehungsweise Teleportieren noch weit entfernt. Obwohl dies wohl einige der heutigen Probleme lösen (und möglicherweise neue heraufbeschwören) würde.

Aber zurück ins Jahr 2018: Gestern wurde mit der Impulsveranstaltung im Tak ein erster Schritt zur noch zu erarbeitenden Energievision 2050, aus der sich dann die konkrete Energiestrategie 2030 entwickelt, gesetzt. «Das Raumschiff ‹Enterprise› steht sinnbildlich dafür, dass aus Fiktion irgendwann Realität wird. Wir brauchen mehr als das, was wir heute schon sehen und was vorhersehbar ist», begründete Risch sein einleitendes Beispiel aus «Startrek».

Wo steht Liechtenstein?

Zunächst wurde der Blick aber nicht in die Zukunft, sondern in die eigene Vergangenheit Liechtensteins geworfen. Jürg Senn, Leiter der Energiefachstelle beim Amt für Volkswirtschaft, zeigte auf, wie es um die Erreichung der Ziele aus der bisherigen Energiestrategie 2020 steht. «Grün stehen die Ampeln beim Verbrauch. Statt der anvisierten Stabilisierung konnten wir diesen sogar reduzieren», bilanzierte Senn. Dagegen konnte die erneuerbare Energie nicht so ausgebaut werden wie gewünscht – noch immer stammt 50 Prozent der Energie aus fossilen Trägern. Die gute Nachricht: Der niedrigere Verbrauch kompensiert dies so, dass der CO2-Ausstoss bis 2020 voraussichtlich wie anvisiert gesenkt werden kann.

Ähnlich und doch umgekehrt sieht es bei den Nachbarn aus, wie Christian Vögel vom Amt der Vorarlberger Landesregierung zeigt. Auch das Bundesland hat ein längerfristiges Konzept mit Horizont 2050 geschaffen, aus dem konkrete Massnahmen abgeleitet wurden. Vorarlberg konnte demnach zwar den Anteil der erneuerbaren Energien auf rund 41 Prozent steigern, dafür stieg jedoch der Verbrauch um 3,5 Prozent. Was die Senkung des CO2-Ausstosses bis 2020 betrifft, ist Vögel zwar optimistisch. «Um das Ziel für 2030 zu erreichen, muss das Tempo aber verdoppelt werden», betonte er. Gerade bei der Mobilität gebe es noch viel zu tun – und da sei die gesamte Gesellschaft gefragt.
Dass diese schlussendlich aber auch profitiert, unterstrich Harry Künzle, Energiebeauftragter der Stadt St. Gallen, die mit ihrem Energiekonzept 2050 Beachtung erlangte. 150 Millionen Franken blase die Stadt jedes Jahr durch den Kamin – das Geld fliesst vor allem in die Erdöl- und -gas produzierenden Länder. Mit erneuerbarer Energie bleibe wesentlich mehr in der Region, so Künzle. Ein Szenarienrechner zeigt in St. Gallen direkt auf, wie gewisse Massnahmen wirken. «Aber auch wir kochen nur mitWasser und setzen klassische Massnahmen in den Bereichen Wärme, Energie und Mobilität», stellt Künzle klar. Der Katalog aus rund 150 Massnahmen werde regelmässig überprüft und neu beurteilt, ob diese technisch, wirtschaftlich, betrieblich, rechtlich und politisch machbar sind.

100 Prozent erneuerbare Energie

Für Daniele Ganser, Autor, Historiker und Energie- und Friedensforscher sowie Leiter des Institute for Peace and Energy Research in Basel, ist klar, was passieren muss: 100 Prozent der Energie müssen aus erneuerbaren Quellen stammen. Die Weltbevölkerung ist in 200 Jahren von einer auf sieben Milliarden Menschen gestiegen – dank Erdöl. Täglich verbrauche die Menschheit 100 Millionen Fässer Erdöl pro Tag – das sind fünf Supertanker voll. Es brauche jedoch erneuerbare Energien, um den Lebensstandard zu halten und auf die gesamte Erdbevölkerung auszudehnen. «Ansonsten droht ein Rohstoffkrieg», so Ganser, wie beispielsweise schon beim Irak- oder Kuwaitkrieg. Es seien nicht die vordergründigen Geschichten beziehungsweise «Kriegslügen», wie etwa Terrorismusbekämpfung, die hinter solchen Kriegen stünden, sondern die Gier nach Erdöl. «Statt Geld in Kriege zu investieren, sollten wir auf den Umstieg setzen», meinte der Friedensforscher.

Den Blick nach vorne wandte auch der Zukunftsforscher Stefan Breit mit der Studie «Die neue Energiewelt – Vom Mangel zum Überfluss». Darin wurde beleuchtet, welche Entwicklungen, wie etwa autonomes Fahren oder die Fleischerzeugung im Labor, wahrscheinlich eintreten werden und wie gross ihre Auswirkungen sein könnten. Breit und seine Co-Autoren kommen in ihrem Trendszenario zum Schluss, dass sich die industrielle Welt des Mangels in eine elektrifizierte Welt des Überflusses wandeln wird – in der keine Energieknappheit mehr herrscht. Diese Veränderung passiere aber nicht auf einen Schlag, sondern in Schritten, Sprüngen und auch Brüchen, die in der Übergangsgesellschaft immer wieder neu ausgehandelt werden müssen.

«Grüne Karte» für Energiewende

Zumindest das Publikum im Tak zeigte sich dafür bereit. Mithilfe von ausgeteilten farbigen Zetteln zeigten sie für die Richtung der Energievision wichtigen Fragen eindeutig die «grüne Karte», interessiert beobachtet von Regierungschef-Stellvertreter Daniel Risch. Demnach soll Liechtenstein beispielsweise einen Anteil von 100 Prozent erneuerbare Energie anstreben – der Staat darf dafür gemäss Publikum ruhig auch strengere Gesetze und Förderanreize setzen. Daniele Ganser hält dieses Vorhaben für durchaus möglich, erkannte aber das Problem an diesem Vorgehen: «Sie sind an der Thematik interessiert. In einem Fussballstadion würde die Abstimmung wohl anders ausfallen». Und wie Christian Vögel angesichts des vollen (und später leeren) Tak-Parkplatzes bemerkte: «Sie sagen zwar jetzt Ja, fahren aber später mit dem Auto nach Hause.»

Tatsächlich dürfte es nicht ganz so leicht werden, in Liechtenstein nur mehr auf erneuerbare Energien zu setzen. «Welche Kompromisse möglich sind, ist technisch und gesellschaftlich zu klären», bemerkte etwa Jürg Senn. Auch Vögel betonte, dass dieses Ziel je schwieriger wird, je kleiner das Land ist. Er sieht die Möglichkeiten vor allem beim Verbrauch und bei dezentralen Massnahmen an Gebäuden wie etwa Photovoltaikanlagen.

Öffentliche Workshops im November

Was nun konkret in der Vision 2050 Platz findet, wird derzeit von der Regierung erarbeitet. Am 11. Dezember sollen die Ergebnisse vorgestellt und in öffentlichen Workshops auf eine Energiestrategie 2030 «heruntergebrochen» werden. Das Ziel sei es, diese nächstes Jahr zu verfeinern, um noch in dieser Legislatur erste Massnahmen treffen zu können, erklärte Risch abschliessend. Das gab auch Christian Vögel mit auf den Weg: «Es ist wichtig, dass man ein Bild von der Zukunft hat. Bei der Umsetzung sollte dann aber nicht auf das tatsächliche Tun vergessen werden.»

(df)

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