Peter Schnürer: «Das grösste Risiko sehe ich darin, sich der Chancen der Technologie zu verschliessen.»  (Foto: Shutterstock)
Politik
Liechtenstein|29.06.2018

«Blockchain wird das Leben ähnlich nachhaltig verändern wie das Internet»

VADUZ - Das geplante Blockchain-Gesetz sorgt im In- und Ausland für Aufsehen. Warum es richtig ist, dass Liechtenstein hier vorprescht und was für Chancen und Risiken diese Technologie birgt, erkärt IT-Experte Peter Schnürer im «Volksblatt»-Interview.

Peter Schnürer: «Das grösste Risiko sehe ich darin, sich der Chancen der Technologie zu verschliessen.»  (Foto: Shutterstock)

VADUZ - Das geplante Blockchain-Gesetz sorgt im In- und Ausland für Aufsehen. Warum es richtig ist, dass Liechtenstein hier vorprescht und was für Chancen und Risiken diese Technologie birgt, erkärt IT-Experte Peter Schnürer im «Volksblatt»-Interview.

«Volksblatt»: Herr Schnürer, spätestens nach der Ankündigung von Regierungschef Adrian Hasler, ein Blockchain-Gesetz schaffen zu wollen, fragen sich viele, was denn an dieser Technologie dran ist. Wie würden Sie diese Technologie in fünf Sätzen erklären?

Peter Schnürer: Es handelt sich um eine Technologie, die es erlaubt, digitale Vermögenswerte im Internet zu speichern und direkt zwischen zwei Beteiligten, die sich weder kennen noch vertrauen, zu transferieren. ­Dies geschieht, ohne dass eine «vertrauenswürdige» Institution, wie z. B. eine Bank, benötigt wird. Das ist revolutionär, denn seit die Menschheit Geldgeschäfte kennt, wird für «Zug um Zug»-Geschäfte zwischen Parteien, die sich gegenseitig nicht vertrauen, immer ein neutraler Dritter benötigt. So wie das Internet zu einer Dezentralisierung der Informationsverbreitung geführt hat, ermöglicht die Blockchain eine Dezentralisierung des Banking. Jeder, der dies möchte, kann zu seiner eigenen Bank werden.


An einer Veranstaltung im Juni in Vaduz haben Sie die Token-Ökonomie erklärt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Es geht um digitale Vermögenswerten auf der Blockchain – diese werden auch Token genannt. Im einfachsten Fall sind dies Krypto-Währungen für den Zahlungsverkehr wie Bitcoin. Dabei sind Krypto-Währungen, die einzig als «Zahlungs-Token» dienen, das denkbar einfachste Beispiel für Token.

Darüber hinaus ist es möglich, Token als verbriefte Vermögenswerte zu gestalten – man spricht von sogenannten Asset-Token. Das funktioniert für Aktien und Wertschriften, aber auch für Vermögenswerte, die sich bislang nicht so einfach digitalisieren liessen wie z. B. Kunstwerke, Oldtimer und Luxusuhren.

Als dritte Token-Kategorie sind noch die Utility-Token zu erwähnen. Diese kann man sich als Nutzungsrechte für Dienstleistungen auf der Blockchain vorstellen.

Egal ob Payment-, Utility- oder Asset-Token – allen ist gemein, dass sie auf der Blockchain gespeichert werden und ohne Zutun einer dritten Partei übertragen werden können. Dies ermöglicht neue Formen von Wirtschaftskreisläufen – der sogenannten Token-Ökonomie.


Was für Potenzial hat diese Token-Ökonomie aus Ihrer Sicht?

In Token liegt der eigentliche ökonomische Wert der Blockchain. Dabei müssen wir uns vor Augen führen, dass die Token-Ökonomie nicht einfach nur bestehende Prozesse effizienter abbildet, wie dies zum Beispiel bei der Abwicklung des Wertschriftenhandels möglich ist. Durch massiv sinkende Transaktionskosten und eine globale Abwicklung nahezu in Echtzeit entstehen neue Geschäftsmöglichkeiten.


Können Sie Beispiele nennen, wie diese Token-Ökonomie künftig unseren Alltag beeinflussen könnte?

Oft wird davon gesprochen, dass grosse Vermögenswerte per Knopfdruck auf der Blockchain global verschoben werden können. Das ist zwar richtig – viel spannender sind aber Mikro-Transaktionen. Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihre Unfallversicherung für die nächsten zwei Stunden anpassen, weil Sie auf einer anspruchsvollen Ski-Piste unterwegs sind.

Im Moment arbeite ich mit einem Start-up an einem Projekt, bei dem es möglich wird, im 15-Minuten-Takt den Stromanbieter zu wechseln.

Solche Modelle werden durch die Blockchain und Mikro-Transaktionen mit Token überhaupt erst möglich. Dem Alltagsanwender wird dabei die Rolle der Token vermutlich gar nicht bewusst – genauso wenig wie ein Internet-Anwender merkt, dass er das TCP/IP Protokoll nutzt.

«Ich rechne damit, dass wir kurz- und mittelfristig eine Marktbereinigung sehen werden.»

Peter Schnürer, IT-Experte

Wie wird dies die Geschäftsfelder von Banken und Treuhandfirmen in den kommenden Jahren verändern?

Dies ist eine Frage, die mir oft gestellt wird – dabei geht die Frage am eigentlichen Kern vorbei. Es sind nicht einzelne Geschäftsfelder, die sich ändern werden, sondern der Daseinszweck und das Selbstverständnis von Finanz-Dienstleistern. Seit der Erfindung der doppelten Buchführung, also seit 500 Jahren, erfüllen Banken und Treuhänder eine «Vertrauensfunktion» im Wirtschaftskreislauf. Teile dieser Vertrauensfunktion werden wegbrechen.

Um nur zwei konkrete Beispiele zu nennen: Vermögenswerte werden nicht mehr bei Banken gelagert, sondern auf der Blockchain. Garantien und Bürgschaften werden zu hoch­skalierbaren Software-Produkten.


Bereits jetzt werden fleissig Blockchain-Unternehmen gegründet. In der Schweiz und in Liechtenstein soll es insgesamt bereits rund 450 solche Unternehmen geben, die 3000 Arbeitsplätze für hochqualifizierte Fachkräfte anbieten. Wird dieses Feld weiter rasant wachsen?

Bei Weitem nicht alle diese 450 Unternehmen verfügen über nachhaltige Geschäftsmodelle und überzeugende Konzepte für die Token-Ökonomie. Ende letzten Jahres erlebten wir einen Hype, ähnlich wie wir es bei der Dotcom-Blase gesehen haben. Mittlerweile hat eine deutliche Korrektur an den Krypto-Börsen eingesetzt. Bislang hat diese Korrektur jedoch nicht spürbar zu einer Bereinigung bei den Unternehmen geführt. Ich rechne damit, dass wir kurz- und mittelfristig eine Marktbereinigung sehen werden. Langfristig bin ich überzeugt, dass wir mit neuen Geschäftmodellen nachhaltiges Wachstum und hochqualifizierte Arbeitsplätze generieren werden.


Und wie kann das Gesetz zu der Entwicklung beitragen? Schafft es tatsächlich einen Mehrwert?

Da ich an diesem Gesetz mitgearbeitet habe, bin ich vermutlich bei dieser Frage befangen. Aber ja, ich denke, so ein Gesetzt ist nötig. Das Gesetz gibt dem Anwender von Token die Sicherheit, dass Standards eingehalten werden und schützt somit sein Vermögen.

Den Anbietern der Blockchain-Wirtschaft gibt das Gesetz wiederum die Möglichkeit, in einem klarem Rahmen tätig zu werden. Was passiert, wenn der Rahmen fehlt, sehen wir im Moment in der Schweiz. Dort gibt es im «Crypto-Valley» Zug viele innovative Unternehmen. Da jedoch ein rechtlicher Rahmen fehlt, bekommen diese nicht einmal ein Bankkonto.


Warum ist die Schweiz da nicht auch mit Hochdruck dran?

Das müssen Sie den dortigen Gesetzgeber fragen.


Nun, es ist immer ein Risiko, der Erste zu sein. Wo sehen Sie Fallstricke für Liechtenstein?

Mit der Arbeit an diesem Gesetzt haben wir vor fast zwei Jahren begonnen. In dieser Zeit hat sich die Blockchain-Welt mehrfach massiv verändert. In diesem dynamischen Umfeld gibt es naturgemäss die Gefahr, dass nicht alle künftigen Entwicklungen abgedeckt sind. Dann muss nachgebessert werden. Die grössere Gefahr sehe ich darin, abzuwarten und nichts zu tun.


Wie rechtssicher ist es, wenn lediglich Liechtenstein ein solches Gesetz kennt? Müssten andere Staaten diese Gesetzgebung nicht auch nachvollziehen können?

Diese Frage haben wir erörtert und die Möglichkeit geschaffen, dass sich internationale Unternehmen dem Liechtensteiner Blockchain-Gesetzt unterstellen. Daneben gibt es Jurisdiktion, die ebenfalls an entsprechenden Gesetzen arbeiten und sehr genau ansehen, was wir in Liechtenstein erarbeitet haben. Ich denke, dass Liechtenstein hier eine Vorreiterrolle einnehmen wird.


Blockchain ist ja im Zusammenhang mit der Kryptowährung Bitcoin entstanden. Unterdessen gibt es mehr als 1600 Kryptowährungen, selbst ein deutscher Fussballstar hat seine eigene Kryptowährung lanciert. Die Kursschwankungen dieser Währungen sind schon fast bizarr. Da herrscht doch absoluter Wildwuchs. Besteht nicht ein Reputationsrisiko für Liechtenstein, wenn hier auf diese Karte gesetzt wird?

Wenn Blockchain auf Kryptowährungen wie Bitcoin reduziert wird, ist dies, als würde man das Internet auf E-Mail reduzieren. Die Token-Welt bietet viel mehr. Aber ich gebe Ihnen recht, dieser Wildwuchs ist bizarr. Deswegen setzt Liechtenstein nicht einzig auf Kryptowährungen, sondern auf ein Ökosystem für die Token-Ökonomie. Ich bin sicher, dass sich aus diesen 1600 Kryptowährungen einige als wert- und nachhaltig etablieren werden. Für diese Unternehmen soll ein Umfeld geschaffen werden, das Stabilität und Rechtssicherheit bietet.

«Wenn Blockchain auf Kryptowährungen wie
Bitcoin reduziert wird, ist dies, als würde man das Internet auf E-Mail  reduzieren.»

Peter Schnürer, IT-Experte

Es gibt immer wieder Meldungen darüber, dass Jungunternehmer über solche ICOs innert weniger Tage hohe Millionenbeträge eingesammelt haben und das nur auf Basis irgendwelcher Versprechungen. Das riecht schon sehr nach Blase und hohen Geldverlusten bei privaten Anlegern. Das kann doch auf Liechtenstein zurückfallen.

Ja, die Gefahr besteht. Der Markt ist jedoch im Moment bereits dabei, sich selbst zu bereinigen. Ich stelle in den letzten Monaten vermehrt fest, dass es nicht mehr reicht, eine bunte Power-Point Präsentation online zu stellen. Und das ist gut so.


Es gibt die Befürchtung, dass Missbrauchsfälle, etwa bei Kryptowährungen oder ICOs, das Ganze ins Schwanken bringen und die Regulatoren zu Verboten bewegen. Wie gross ist das Risiko, dass das Geschäft vom Ausland her zu Tode reguliert wird?

Erste Bestrebungen seitens Regulatoren sind bereits zu erkennen. Hier ist die gesamte Industrie gefordert, gegenzusteuern und nicht erst auf den Regulator zu warten. Ich selbst lehne zum Beispiel Beratungsmandate für Projekte ab, die ich nicht für seriös halte und ich kenne viele andere in der Branche, die dies ebenfalls tun.


Was gilt es für Finanzintermediäre zu beachten, wenn sie in diesen Bereich einsteigen wollen?

Wie bei allen Innovationen gibt es keine «Check-Liste», die zum Erfolg führt. Ich kann nur empfehlen, Know-how aufzubauen und Pilot-Projekte durchzuführen. Liechtenstein hat die Luxus-Situation, dass alle notwendigen Partner an einem Ort nur wenige Minuten voneinander entfernt sind: Banken, Treuhänder, Blockchain-Unternehmen, Rechts-Experten, Universität, Regierung und Regulator. Dieses Ökosystem nicht zu nutzen, wäre fahrlässig.


Können Sie sich erklären, warum bisher gerade die grösseren Finanzinstitute noch zögern, in diesen Bereich einzusteigen? In der Schweiz ist es ja für diese Firmen nicht möglich, ein Konto zu eröffnen.

Finanzinstitute haben über die letzten Jahrzehnte die Risiko-Optimierung perfektioniert. Ausflüge in risikoreiche Geschäftsfelder wurden beim Platzen der Internetblase und in der Finanzkrise hart bestraft. Dieser Schock sitzt bis heute tief – nicht nur bei den Instituten – auch bei den Kunden. Deswegen ist eine gewisse Vorsicht nachvollziehbar und auch angebracht. Dass aber der Zugang zum Bankkonto verwehrt wird, kann ich nicht verstehen.


Wie bewerten Sie die Zukunft der Blockchain-Technologie – wo sehen Sie das grösste Potenzial?

Ich bin überzeugt, dass die Blockchain-Technologie unsere Gesellschaft ähnlich nachhaltig verändern wird wie das Internet oder der Buchdruck – dabei müssen wir uns bewusst sein, dass Rückschläge jederzeit möglich sind. Das grösste Potenzial sehe ich in tokenisierten Vermögenswerten auf der Blockchain und Mikro-Transaktionen, die autonom zwischen Maschinen, ohne menschlichen Eingriff ausgeführt werden.


Wo sehen Sie die Risiken für die Finanzplätze Liechtenstein und die Schweiz?

Das grösste Risiko besteht darin, sich den Chancen dieser Technologie zu verschliessen.

Peter Schnürer war Mitglied der Arbeitsgruppe der Regierung. (Foto: zvg)

Zur Person:

Der studierte Betriebswirt Peter Schnürer gründete Mitte der 90er-Jahre sein ers­tes Internet-Start-up. Als freiberuf­licher Projektleiter realisierte er diverse IT Projekte bei Banken in Deutschland, der Schweiz und in Liechtenstein. Seit Anfang 2013 ist Peter Schnürer für die Inventx AG in Chur als CDO, Chief Digital Officer, tä­tig und Mitglied der erweiterten Geschäfts­leitung. Zu seinen Schwerpunktthemen zählen unter anderem Data-Analytics und Crypto-Finance. Peter Schnürer war Mitglied der Arbeitsgruppe, die das Blockchain-Gesetz ausgearbeitet hat.

(dq)

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