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Liechtenstein|08.02.2018 (Aktualisiert am 08.02.18 10:54)

Moraltheologe Schockenhoff: «Kein Priester darf die Kommunion verweigern»

VADUZ - Wer den sonntäglichen Kirchbesuch verpasst, gilt als «schwerer Sünder» und darf keine Kommunion mehr empfangen, es sei denn, die Person geht zur Beichte. So lehrte es der Triesner Kaplan den Firmkindern. Aber auch Wiederverheiratete werden in gewissen Gemeinden vom Kommunionsempfang ausgeschlossen. Zu Recht? Nein, sagt Moraltheologe Eberhard Schockenhoff, der kürzlich für einen Vortrag in Schaan weilte.

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VADUZ - Wer den sonntäglichen Kirchbesuch verpasst, gilt als «schwerer Sünder» und darf keine Kommunion mehr empfangen, es sei denn, die Person geht zur Beichte. So lehrte es der Triesner Kaplan den Firmkindern. Aber auch Wiederverheiratete werden in gewissen Gemeinden vom Kommunionsempfang ausgeschlossen. Zu Recht? Nein, sagt Moraltheologe Eberhard Schockenhoff, der kürzlich für einen Vortrag in Schaan weilte.

«Volksblatt»: Laut dem Triesner Kaplan ist es eine «schwere Sünde», der Sonntagsmesse fernzubleiben. Daher durften Firmkinder, die einen Sonntag ausgelassen hatten, keine Hostie empfangen, es sei denn, sie hätten vor dem Kirchgang gebeichtet. Der Kaplan hatte sich zur Begründung auf den Katechismus der katholischen Kirche berufen. Da steht unter der Nummer 2181: «Die sonntägliche Eucharistie legt den Grund zum ganzen christlichen Leben und bestätigt es. Deshalb sind die Gläubigen verpflichtet, an den gebotenen Feiertagen an der Eucharistiefeier teilzunehmen, sofern sie nicht durch einen gewichtigen Grund (z. B. wegen Krankheit, Betreuung von Säuglingen) entschuldigt oder durch den Pfarrer dispensiert sind. Wer diese Pflicht absichtlich versäumt, begeht eine schwere Sünde.» Wie ist das zu deuten?

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Eberhard Schockenhoff: Was eine schwere Sünde ist – eine Sünde, die von Gott trennt – das kann man nicht von einem äusseren Tatbestand her beurteilen. Um eine schwere Sünde zu begehen, braucht es das Bewusstsein, dass man hartnäckig gegen die Liebe Gottes verstösst und auch hartnäckig in dieser offenkundig schweren Schuld verbleibt. Das ist im katholischen Kirchenrecht ganz klar geregelt. Kein Priester darf die Kommunion verweigern, es sei denn, jemand verharrt bewusst in dieser objektiv schweren Schuld. Einem Kind eine solche Schuld zu unterstellen, wenn es einmal die Messe verpasst hat und dies vielleicht nur deshalb, weil seine Eltern andere Pläne hatten, das ist absurd.


Diese Kinder hätten beim nächsten Messebesuch stattdessen mit den Armen vor der Brust überkreuzt nach vorn gehen sollen, um den Segen abzuholen. Gibt es diese Geste irgendwo sonst?

Ja, das gibt es auch anderswo. Beispielsweise können Nichtkatholiken, die an einer katholischen Messe teilnehmen, so den Segen Gottes abholen. Grundsätzlich ist das eine Haltung, die durchaus Respekt verdient. Aber die Frage ist immer, wer darüber entscheidet. Es ist die Aufgabe eines jeden Einzelnen, vor dem Kommunionsempfang das Gewissen einer ehrlichen Selbstprüfung zu unterziehen. Man soll schon hinterfragen, ob man in der Situation ist, die Kommunion würdig zu empfangen. Es kann auch mal angebracht sein, darauf zu verzichten. Aber dieser Entscheid obliegt jedem selbst, er darf nicht in einem autoritären Akt von aussen vorgeschrieben werden.

«Es kann auch mal angebracht sein, auf die Kommunion zu verzichten. Aber dieser Entscheid obliegt jedem selbst.»

Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe

Das passiert aber bei Geschiedenen oder Wiederverheirateten. Viele sind unsicher, ob sie jetzt noch die Kommunion empfangen dürfen oder nicht und haben Gewissensbisse. Der Papst hat in seinem päpstlichen Familienschreiben «Amoris Laetitia» angedeutet, dass diesen Personen den Weg zu Sakramenten nicht verwehrt werden darf. Wie ist das zu verstehen?

Ja, da hat Papst Franziskus tatsächlich die Lehre der Kirche weiterentwickelt. Bislang war die Argumentation so, dass eine zivile Zweitehe dem fortgesetzten Ehebruch gleichkommt – sprich, einem dauerhaften Zustand schwerer Schuld. Der Papst hat jetzt aber aufgegriffen, was bereits Papst Johannes Paul II. gesagt hat. Nämlich, dass die Ursachen, die zur Trennung geführt haben, unterschieden werden müssen. Man kann sich fragen, wie kam es zur Trennung, ist diese Schuld aufgearbeitet, hat man sie bereut? Und wie ist die Situation in der zweiten Verbindung? Werden dort die Werte, die eine Ehe ausmachen – also Treue, Verlässlichkeit, solidarisch sein – gelebt? Man kann also nicht mehr sagen, dass pauschal alle geschiedenen und wiederverheirateten Personen in schwerer Sünde leben. Dazu braucht es eine ehrliche Selbstprüfung des Gewissens, welche natürlich durch ein Gespräch mit einem Seelsorger unterstützt werden kann. Das entspricht dem, was heute in vielen Diözesen praktiziert wird. Der Papst ermuntert sogar diese Paare sowie die Bischöfe und Seelsorger, diesen Weg zu gehen.


Gilt das auch für Paare die unehelich zusammenleben? Heutzutage wohnen ja praktisch Paare zuerst einmal zusammen und leben da ja gewiss nicht keusch.

Ja, das ist heute sicher die Regel. Wenn die Beziehung so ausgestaltet ist, dass sie dann möglicherweise später zu einer Ehe führt, dann ist das nach heutiger Auffassung die Verantwortung der Betreffenden. Das Problem dieser vorehelichen Verhältnisse ist nicht, dass darin Sexualität gelebt wird. Wenn Sexualität als Ausdruck einer dauerhaften Liebe verstanden wird, dann ist sie legitim. Aber ein Problem ist, dass dieses Zusammenleben dazu führen kann, dass man nicht mehr weiterwächst und den Zeitpunkt verpasst, dauerhaft Verantwortung füreinander zu übernehmen. Ich beobachte das beispielsweise bei Studierenden: Oft sind es die Männer, die lange nicht zur Ehe bereit sind. Es kommt immer wieder vor, dass Paare zu mir kommen, die bereits seit mehr als einem Jahrzehnt zusammenleben. Wenn ich dann frage: «Warum heiraten Sie jetzt?», dann kommt die Antwort: «Ach ja, es kommt halt ein Kind.» Das hat dann so etwas Resigniertes, so nach dem Motto: «Jetzt muss man halt.» Man könnte ja bereits vorher ein schönes Fest feiern und diese Liebe beteuern, ja, zusammen aufbrechen in die gemeinsame Zukunft. Das wäre doch viel feierlicher.


Wie ist die heutige Lehre in Bezug auf Homosexualität? Homosexuelle Handlungen werden von der Kirche ja als Sünde gesehen. Heisst das, dass Lesben oder Schwule keine Kommunion empfangen dürfen?

Die Kirche sagt grundsätzlich, dass niemand wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden darf. Das Lehramt hat bislang immer daran festgehalten, dass homosexuelle Handlungen in sich ungeordnet sind, weil sie den natürlichen Zweck, die Offenheit für die Weitergabe des Lebens, nicht erfüllen können. Diese Verurteilung hat der gegenwärtige Papst aber nie ausgesprochen und sie nie wiederholt. Sondern, er hat im nachsynodalen Schreiben, in dem es um Ehe und Familie geht, Folgendes festgehal­ten: Nämlich, dass man diesen Personen und deren Familien deutlich machen muss, dass sie genauso wie alle anderen von Gott geliebt werden. Es geht darum, ihnen die Barmherzigkeit Gottes zu zeigen – und Barmherzigkeit heisst nicht Mitleid, sondern bezeichnet die Menschenfreundlichkeit Gottes. Darüber, wie man homosexuelle Praxis bewertet, sagt das Schreiben des Papstes nichts aus. In der theologischen Wissenschaft wird das heute oft so gesehen: Überall dort, wo in einer Partnerschaft Werte wie Treue, Ausschliesslichkeit und Verlässlichkeit gelebt werden, ist das moralisch achtenswert. Dort wo Promiskuität, Partnerwechsel oder Untreue gelebt werden, ist das moralisch problematisch. Beides unabhängig davon, unter welcher sexuellen Orientierung das geschieht.

«Die Kirche sagt  grundsätzlich, dass niemand wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden darf.»

Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe

Nochmals zurück zum sonntäglichen Messebesuch: Ich habe drei Kinder, die wir nach hiesiger Tradition auch zur Kommunion schicken und firmen lassen. Ich gebe aber auch offen zu, dass ich sonntags eher auf der Skipiste anzutreffen bin, als in der Kirche. Ich bin vielleicht an den Hochfesten in der Messe oder zu Beerdigungen und Jahrtagen. Kann ich so überhaupt meine Kinder noch guten Gewissens zu diesen Sakramenten anmelden?

Es gibt auch unter «guten» Katholiken einen Wandel. Früher war es selbstverständlich, dass man jeden Sonntag zum Gottesdienst ging – einfach auch als Ausdruck einer lebendigen Beziehung zu Gott und zur Gemeinde. Aber die Gesellschaft verändert sich. Es gibt immer weniger dauerhafte, feste Zugehörigkeitsformen, dafür immer mehr Projekte. Man entscheidet sich nicht, jahrelang in einem Chor mitzusingen, sondern probt ein paar Mal gemeinsam für einen konkreten Anlass. Das ist überschaubar und danach ist diese Verpflichtung wieder abgeschlossen. So geht es auch in der Kirche. Diejenigen, die nicht mehr regelmässig in die Kirche gehen, sondern nur noch zu bestimmten Anlässen, fühlen sich ja nicht als schlechte Katholiken. Sie stehen grundsätzlich hinter der Kirche. Sie wünschen daher auch, dass ihre Kinder religiös etwas mitbekommen und sogar Ministranten sind. Das ist natürlich ein gewisser Widerspruch, aber da darf man nicht moralisieren oder sie gar als Sünder bezeichnen. Aber natürlich lohnt es sich zu prüfen, ob es nicht eine persönliche Bereicherung wäre, regelmässiger in die Kirche zu gehen. Schliesslich ist belegt, dass ein regelmässiger Messebesuch, den eigenen Glauben lebendiger werden lässt. Letztlich muss aber jeder selber prüfen, aus welchen Gründen er es nicht schafft, regelmässiger teilzunehmen.


Vielleicht weil man sich in der Kirche schlicht nicht wohl oder verstanden fühlt?

Ja, das kann sein. Da muss sich auch die Kirche fragen, wie es denn um die Qualität der Gottesdienste steht. Ich gebe gerne zu, dass die Feiergestalt der Gottesdienste nicht immer einladend ist. Aber ich glaube, dass das nicht alles erklärt. Wenn es einem wichtig wäre, würde man sicher irgendwo einen ansprechenden Gottesdienst finden.


Geht es uns vielleicht auch einfach zu gut? Sodass wir es momentan nicht nötig haben, in die Kirche zu gehen und diese Gemeinschaft zu suchen?

Das ist durchaus möglich. Die Erfahrung, dass in Notzeiten die Kirchen voller werden, hat man ja gemacht. Aber das wären in beiden Richtungen keine Motive, die der Nachprüfung standhalten würden. Wenn ich nur in die Kirche gehe, wenn es mir dreckig geht oder wenn ich nicht mehr gehe, weil es mir gut geht, dann ist das durchaus fragwürdig.

(dq)

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