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«Auf dem Papier jedoch, war und bin ich Ausländerin – und das spüre ich auch», sagt Samra Beso. (Foto: DS)
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Liechtenstein|25.11.2017 (Aktualisiert am 29.01.18 02:17)

Samra Beso: «Ich bin Liechtensteinerin. Das Einzige, was mir fehlt, ist der blaue Pass»

TRIESEN - Samra Beso bezahlt 3000 Franken Verwaltungsgebühr, um die Triesner Gemeindebürger im Juni 2018 darüber abstimmen zu lassen, ob sie Liechtensteinerin werden darf.

«Auf dem Papier jedoch, war und bin ich Ausländerin – und das spüre ich auch», sagt Samra Beso. (Foto: DS)

TRIESEN - Samra Beso bezahlt 3000 Franken Verwaltungsgebühr, um die Triesner Gemeindebürger im Juni 2018 darüber abstimmen zu lassen, ob sie Liechtensteinerin werden darf.

Sie reicht dazu auch Steuererklärungen, Schulzeugnisse und vieles mehr ein. Und einen Text wird sie schreiben, der zusammen mit einem Foto an die Gemeindebürger gesandt wird. Dann liegt der Ball bei genau 1406 Triesnerinnen und Triesnern. «Wenn’s klappt, war es das wert», sagt Samra Beso – wohlwissend, dass es auch anders ausgehen kann: Es ist bereits das zweite Einbürgerungsgesuch, das die heute 30-jährige gebürtige Bosnierin stellt. Vor mehr als 10 Jahren wurde ihr der «blaue Pass» noch verwehrt. Beso liess sich von diesem Dämpfer aber nicht aus der Bahn werfen. Nach dem Abschluss des Gymnasiums hat sie an der Universität Liechtenstein Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt International Management und Entrepreneurship studiert. Bereits während des Studiums arbeitete Beso in der Treuhand-Branche. Derzeit absolviert sie den Diplomstudiengang Treuhandwesen und darf sich ab März 2018 «diplomierte Liechtensteiner Treuhandexpertin» nennen. Im Interview mit dem «Volksblatt» spricht Samra Beso über Integration, Identität und die Treuhänderprüfung.


«Volksblatt»: Frau Beso, wie sind Sie nach Liechtenstein gekommen?

Samra Beso: Am Ende per Zufall. 1992 war Krieg im damaligen Jugoslawien. Mein Vater und sein Schwager sind geflüchtet, als orthodoxe Streitkräfte begonnen hatten, die katholischen und muslimischen Männer einzusammeln. Etwas später, als die Unruhen schon sehr heftig waren, haben auch meine hochschwangere Mutter und ich die Flucht ergriffen. Nachdem wir meinen Vater und meinen Onkel wiederfanden, verbrachten wir zunächst eine kurze Zeit in einem Flüchtlingslager  in St. Georgen (AT). Wie man mir später erzählte, habe das Land Liechtenstein damals Busse geschickt, um die Situation im überfüllten Lager zu entschärfen. In einen dieser Busse sind wir eingestiegen.


Haben Sie es geschafft, das alles zu verarbeiten?

Zum Glück erinnere ich mich kaum an die Flucht. Ich war erst vier Jahre alt und habe wohl vieles verdrängt. Bestimmt war es hilfreich, dass ich quasi direkt nach unserer Ankunft im Sommer 1992 den Kindergarten besuchen durfte. Innert drei Monaten habe ich dort deutsch gelernt – kam deswegen sogar in die Zeitung (lacht). Allerdings hatte ich bis ins späte Teenager-Alter grosse Mühe damit, auswärts zu übernachten, was eine Folge dieser traumatischen Erfahrung gewesen sein könnte.


Heute sind weltweit so viele Menschen auf der Flucht, wie nie zuvor. Wie kann Integration gelingen?

Diese Frage hat sich für mich eigentlich nie gestellt. Es ist einfach passiert. Aus heutiger Sicht betrachtet denke ich, dass es neben der Sprache vor allem die Sozialisierung ist: Ich hatte das Glück aus einem multikulturellen Land zu kommen. Für uns war es normal, alle diese Kulturen und ihre Traditionen zu kennen und sogar zu leben. Gerade was Religion angeht, waren schon meine Grosseltern sehr offen. Das haben sie an meine Eltern und diese wiederum an meine Geschwister und mich weitergegeben. Wir sind Muslime, hatten aber schon in Bosnien jedes Jahr einen Christbaum. Religiöse Feste begehe ich bis heute mit einer Mischung aus Respekt und Gelassenheit. Was meinen Glauben angeht, so kenne ich alle Traditionen und versuche mit diesen respektvoll umzugehen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass jeder Glaube dem anderen viel ähnlicher ist, als man denkt.


Wurden Sie als Kind nie wegen Ihrer Herkunft gefoppt?

Es hielt sich in Grenzen. Klar, manchmal war ich halt ein «Jugo», aber das hat mich nicht sonderlich gekratzt. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit, war im Geräteturnen, im Tennis, habe Flöte gelernt und lange Volleyball gespielt.


Wie erfahren Sie Diskriminierung heute?

Auch heute erlebe ich das kaum – zumindest auf gesellschaftlicher Ebene. Ich fühle mich gut integriert. So arbeite ich im Vorstand der infra mit. Diese Arbeit ist mir sehr wichtig, da ich hier meine Erfahrungen als Migrantin einbringen kann. Ich schätze auch den Kontakt und die Zusammenarbeit zu den anderen Vorstandsfrauen sehr. Auf dem Papier jedoch, war und bin ich Ausländerin und das spüre ich.


Wie meinen Sie das?

Nun ja, Bosnien gilt als «Drittstaat» (nicht in der EU, Anm. d. Red.). Das bringt zahlreiche Nachteile mit sich: Ich habe kein Recht auf eine Dauer-Aufenthaltsbewilligung. Die Bewilligung zur Niederlassung muss ich alle drei Jahre erneuern. Aber auch die Treuhänderprüfung darf ich nicht ablegen. Und selbst wenn ich müsste, dürfte ich nicht in der Schweiz arbeiten. Ausserdem kann ich Grossbritannien und Länder ausserhalb der EU nicht ohne Visum bereisen. Früher benötigte ich gar eine Grenzgängerbewilligung, um nach Feldkirch zu fahren. Kurz um: Es sind verordnete Hürden, die mir das Leben aufgrund meiner Herkunft erschweren.


Stellten Sie deshalb 2007 ein Einbürgerungsgesuch?

Nicht nur. Es war für mich einfach logisch, das zu tun. Ich bin hier zuhause – möchte aber auch gerne meine politischen Rechte wahrnehmen.


Offenbar reichte das den Gemeindebürgern Ihrer damaligen Wohngemeinde nicht. Ihre Mutter, Ihr Bruder und Ihre Schwester hingegen sind 2011 bzw. 2015 eingebürgert worden. Wie erklären Sie sich das?

Ich weiss es nicht. Die Enttäuschung nach der Ablehnung meines Gesuchs war unbeschreiblich gross. Mir fehlten nur wenige Stimmen. Auf der Suche nach Erklärungen wandte ich mich auch an den Gemeindevorsteher. Er hat mir erklärt, dass die Tendenz damals generell negativ gewesen sei. Über Einbürgerungen wird in der Regel parallel zu Sachthemen abgestimmt. Die Ablehnung zum Sachthema habe sich dann wohl auf die Einbürgerungsgesuche ausgewirkt. Meine Mutter und die Geschwister haben also wohl einen besseren Zeitpunkt erwischt.


Das versuchen Sie nun auch: Voraussichtlich im Sommer 2018 wird in Triesen über Ihre Einbürgerung abgestimmt. Warum erst jetzt?

Das war nicht meine Entscheidung. Bereits 2009, als ich mein Studium an der Uni Liechtenstein begann, fasste ich den Entschluss einen zweiten Anlauf zu wagen. Da ich zwischenzeitlich jedoch einige Monate an der HSG studiert und daher als Wochenaufenthalterin in St. Gallen gelebt hatte, hiess es nach meiner Rückkehr, ich müsse erst wieder fünf Jahre in derselben Gemeinde wohnen, bevor ich ein neues Gesuch stellen kann. Also meldete ich mich 2014 wieder beim Zivilstandsamt.


Aber?

Das Gesetz hatte sich mittlerweile geändert. Heute muss man nicht 5 Jahre in derselben Gemeinde, sondern 10 Jahre in Liechtenstein gelebt haben. Grundsätzlich ist das sicher sinnvoll, in meinem Fall war es aber ein Problem: Die ersten neun Jahre, in denen ich unter dem Flüchtlingsstatus hier wohnte, wurden mir nicht angerechnet. 2016 ging ich zum Ausländer- und Passamt, schilderte meine Situation und liess mich nochmals informieren. Man teilte mir mit, dass es nun doch möglich sei, bereits ein neues Gesuch zu stellen. Das mache ich jetzt.


Wie schätzten Sie Ihre Chancen ein?

Ich weiss es nicht. Die Hoffnung ist natürlich riesig. Genauso gross ist aber auch die Angst, dass es wieder nicht klappen könnte.


Was würden Sie tun, falls Ihr Gesuch erneut abgelehnt wird?

Eigentlich möchte ich daran nicht denken. Grundsätzlich hätte ich in einem Jahr die Option, mich in der Schweiz einbürgern zu lassen. Dies weil ich dann seit sechs Jahren mit meinem Mann, der Schweizer ist, verheiratet bin. So würden zumindest die «Drittstaatler»-Hürden fallen. Anfreunden kann ich mich mit dieser Vorstellung aber nicht. Es wäre ein reines Zweckbündnis, denn ich fühle mich nicht «schweizerisch». Nationalität hat nun mal auch viel mit Identität zu tun: Ich bin Liechtensteinerin. Das Einzige, was mir fehlt, ist der blaue Pass.


Was machen Sie als erstes, wenn Ihr Einbürgerungsgesuch angenommen wird?

Luftsprünge, Familie und Freunde anrufen, mich für die Treuhänderprüfung anmelden – genau in dieser Reihenfolge.



(ds)

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