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"44 Harmonies from Apartment House 1776" von Christoph Marthaler und Ensemble hatte am 5. Dezember 2018 im Schiffbau des Schauspielhauses Zürich seine Uraufführung.
Kultur
Schweiz|06.12.2018

"44 Harmonies from Apartment House 1776" im Zürcher Schiffbau

ZÜRICH - Fast wie damals: Christoph Marthaler jongliert im Zürcher Schiffbau mit Szenen und Stimmen. Doch nun hinterfragt er damit seine Art des Theatermachens. Am Mittwoch war Uraufführung.

"44 Harmonies from Apartment House 1776" von Christoph Marthaler und Ensemble hatte am 5. Dezember 2018 im Schiffbau des Schauspielhauses Zürich seine Uraufführung.

ZÜRICH - Fast wie damals: Christoph Marthaler jongliert im Zürcher Schiffbau mit Szenen und Stimmen. Doch nun hinterfragt er damit seine Art des Theatermachens. Am Mittwoch war Uraufführung.

Fast 15 Jahre nach ihrem betrüblichen Abgang aus Zürich kehren Christoph Marthaler und Anna Viebrock in die Schiffbau-Halle des Schauspielhauses zurück. Raumgreifend bespielen der gefeierte Theatermacher (und einstige Intendant des Zürcher Schauspielhauses) und seine Bühnen- und Kostümbildnerin die riesige Bühne. Mit einem Stück wohlgemerkt, das dem Funktionieren von Harmonien nachspüren will. Das Zürcher Publikum nahm den schelmischen Seitenhieb mit wohlwollendem Humor auf; der Schlussapplaus war sogar begeistert.

Der Stücktitel "44 Harmonies from Apartment House 1776" ist eine Entlehnung. Er geht auf eine Komposition des US-Avantgardisten John Cage (1912–1992) zurück, mit der sich dieser 1976 den "anarchischen Harmonien" annahm. Was darunter zu verstehen ist, macht Marthaler nun in "acht Viertelstunden" hör-, sicht- und spürbar, wie Ueli Jäggi - seit jeher Mitglied der heute international aktiven Marthaler-Familie - in einem witzigen Prolog verspricht.

Abrupte Pausen

Für die Klang-Harmonien sorgt sogleich und fast pausenlos Bendix Dethleffsen, ein weiteres Familien-Mitglied, an zwei Klavieren und einem Harmonium. Zudem vier Cellistinnen - so jung wie grandios: Hyazintha Andrej, Isabel Gehweiler, Nadja Reich, Vanessa Hunt Russell.

Dieses Quartett legt zuweilen gespielte Pausen ein im Sinne von John Cage: abruptes Innehalten mitten im Spiel. Diesen Klang-Vorgaben folgen sieben Akteurinnen und Akteure, die für Sprach-, Sing- und Tanz-Einlagen zuständig sind, wie sie die Stücke von Christoph Marthaler ausmachen. Wirr und chaotisch scheinbar, aber doch hinarbeitend auf Stimmungen, Choreografien, Aussagen.

Bald wird klar, wo die "44 Harmonies" zu suchen und finden sind: in der Art, wie Marthaler und sein Team den Bühnenraum bespielen. Inmitten von Instrumenten und Stühlen, Schwellen und Türen sowie wechselndem Licht (Christoph Kunz) finden sich die zwölf Agierenden zu Dialogen und Sprachgefechten, zu Solo- und Chorgesang, zu pantomimischen Darbietungen. Dazwischen besagte Pausen, oft Wiederholungen bis hin zu digital anmutenden Loops, dynamische Laustärken und sich ändernde Tempi - allesamt Elemente, die Harmonien bilden. Oder eben auch nicht.

Notenständer und Pilze

Mit dieser erlebbaren Harmonielehre offenbart und hinterfragt Christoph Marthaler seine Art des Theatermachens. Er zeigt auf, wie Collagen entstehen, welchen Sinn - oder eben Unsinn - sie machen können. Dabei geht er so weit, dass er die Harmonie von Bühne und Zuschauerraum ausreizt. Gegen Ende des Stücks nämlich misst er die Harmoniebereitschaft des Publikums. Auch dies ein bei John Cage abgehörter Clou.

Seine Collage montiert Marthaler aus Texten von Gertrude Stein bis Beatrice Egli, Marcel Duchamp bis Reinhold Messner. Musikalisch bedient er sich bei Bach und Beethoven, Erik Satie und John Cage. Dieser tritt übrigens auch selbst auf: als musikalischer Gärtner, der behutsam Notenständer giesst. Oder als Pilzexperte. Denn - so Ueli Jäggi in seinem Prolog - den Pilzen kann man nur mit Harmonie begegnen. Wie immer, lassen Marthaler und sein Team das Publikum mit offenen Fragen zurück. Einmal mehr aber erfüllt von begeisternden Eindrücken, Bildern - einem anregenden theatralischen Gesamterlebnis.

Von Frank von Niederhäusern, ch-intercultur

(sda)

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