Leserbrief

Reiches armes Land

Ruth Schöb,Auring 57, Vaduz | 1. Juli 2017

Zum Interview von FL1TV («Liechtenstein Live») vom 29. Juni mit Frau Dr. Ruth Kranz-Candrian.
Krankenkassen werden immer restriktiver bei den teuren Behandlungen, die Concordia Liechtenstein hat Rücklagen von 70 Millionen, hat im vergangenen Jahr mehr Prämiengelder eingenommen, aber weniger bezahlt für den Patienten. Der Staat zieht sich mehr und mehr aus der Verantwortung im Gesundheitswesen zurück, er kürzte die Beiträge an die OKP massiv.
Liechtenstein ist eines der reichsten Länder der Welt, mit einem Überschuss von 96 Millionen in der Staatskasse. Da stellt sich die Frage, was will Herr oder Frau Liechtensteiner? Wollen wir die bestmögliche Medizin und verantwortungsvolle Ärzte oder reine Gewinnmaximierung? Geldknappheit herrscht sicherlich nicht, was die Zahlen belegen. Das Gesundheitsministerium hat zwei Studien von Price Waterhouse Coopers (grösstes Consulting-unternehmen der Welt) anfertigen lassen, (die Kosten dafür lassen wir mal aussen vor) zur Frage der Kostenminimierung im Gesundheitswesen. Ist dies die richtige Adresse für solch eine Studie?
Es geht im Gesundheitswesen um Menschen, um Leid, das jeden einmal trifft und nicht um Zahlen. Price Waterhouse Coopers kennt weder Ethik noch menschliches Leid. Da geht es nur um Zahlen.
Die zweite Studie vom Januar 2017 ergab die «unproduktiven» Patienten; ältere, chronisch und palliativ Kranke. Die Fragestellung des Ministeriums heisst, wie viel Geld wollen wir zukünftig für sie noch ausgeben? Die Ärztekammer, der Vorstand, war entsetzt über diese Fragestellung. Da endet jede ethische Diskussion. Ob ein menschliches Leben noch lebenswert ist, ist eine der schwierigsten Fragen zwischen Arzt und Patient.
Wenn ein reicher Staat wie Liechtenstein beginnt, solche Diskussionen zu führen, wird es tatsächlich gefährlich. Wenn der Arzt nicht mehr so behandeln kann, wie er müsste, weil der Patient unproduktiv ist, haben wir es moralisch weit gebracht! Ich finde dieses Gedankengut beängstigend. Ich denke, wir können dankbar sein, dass die Ärztekammer (Präsidentin, Vorstand) eine ethische Haltung vertritt und diese auch gegenüber der Regierung immer wieder klar deklariert. Anstelle einer völlig unnötigen, lächerlichen teuren Hängebrücke wäre es vielleicht an der Zeit, ethische Brücken zwischen Menschen zu bauen.

Ruth Schöb,
Auring 57, Vaduz

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