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Leserbrief

Freiflug gefällig?

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 5. September 2017

«Staatliche Ohnmacht»

In nichts anderem erkennt man die hilflose Allgewalt des Staates besser wie am Zustand seiner Strassen. Dort zeigt sich seine Nacktheit, sein Unvermögen, seine Schwäche, sein Verbandeln und sein Verweilen und sein Zu- und Vergünsteln mit einer Zartheit, die an Erschreckendem kaum zu überbieten ist. Vor Jahren wurde die Strasse vom Presta- zum Eintrachtkreisel neu gestaltet. Ein wunderbar gelungenes Werk. Der Unterbau aus Beton und oben grosszügige Trottoirs und mit viel Platz für die Fahrräder. Die Übergänge von Strasse zum Gehsteig sanft ausgepflästert, ohne Fallen und messerscharfe Kanten.
Dann wurde der Abschnitt bis Bendern in Angriff genommen. Und so liegt er nun auch da; als Angriff auf den wehrlosen Bürger. Der Unterbau eingewalzt mit dem alten ungeeigneten Dreck. Oben schmale Trottoirs, abgegrenzt mit messerscharfen Kanten. Die Radübergänge von Strasse zu Trottoir in einer Art und Weise ausgeführt, die kindischer und dümmer nicht sein könnten. Zwei sind sogar tatsächlich nur etwa 297 Millimeter breit. Natürlich mit einer gemeingefährlichen Granitbordüre ausgestattet. Nicht genau aufpassen und du fliegst mit deinem Göppel im hohen Bogen auf die Fresse. Oder ein wenig Schnee darüber, die Kante ist nicht zu sehen und schon hast du deinen Freiflug.
Was sich hier wie ein von Gott geduldetes Amüsement darstellt, ist in Wirklichkeit nur die Kruste einer staatlichen Ohnmacht, die weitaus tragischer ist, wie sie als Pflästerung in Erscheinung tritt. Zukunftsgedanken um den Staat sind vergebene Denkübungen. Es wird nichts werden aus ihm, wenn er bei jedem Meter Werk, das er vollbringt, sich neuer, anderer Normen und Gefälligkeitssümpfe bedient, derweil er frech sein Daseinsrecht behauptet, indem er alle hundert Meter Radarfallen aufstellt, in der Zeitung protzt, wie reich er ist und welch armen Putzfrau er den Esslöffel versteigert.
Das tägliche jahraus und jahrein Nichtvollbringen und Verweilen im ruinösen Gefälligkeitspragmatismus stinkt dem Bürger schon lange. Da er jedoch seine Untaten geschickt so kleingeschustert hält, dass sie die Mühe der Aufregung nicht lohnen, erlauben sie kaum Angriffspunkte. Nörglern wird somit flächendeckend auf immer perfideren Scheiben das Schwarze entzogen.
So ist die scheinbar mutige Rebellion gegen die Hängebrücke lediglich ein Ventil, um den angestauten Zorn abzulassen. Auf der einen Seite schade um die Brücke. Auf der anderen eine Wohltat für die endlich Befreiung erfahrenden Seelen der Duckmäuserrevolutionäre.

Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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