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Leserbrief

Nicht ganz trocken hinter den Ohren

Martin Wachter,Mitteldorf 16, Vaduz | 17. Februar 2016

Compliance

Die grünen Jungs und Mädels, bare Studien- oder Lehrabgänger mit absehbarer Lebens- oder Berufserfahrung, auf sonderbare Weise zusammengefunden im Kinderplanschbecken für risikoaversive Nörgler und krankhafte Pessimisten, genannt Compliance-Abteilung, haben nun ihre Entlarvung durch den «NZZ»-Artikel vom 16. Februar erfahren, wonach ihr übertriebenes und schadhaftes Wirken richtigerweise als Überreaktion der Banken, zum Schaden des Finanzplatzes, bezeichnet wird. Der Kunde, das potenziell «kriminelle Element», notwendiges Übel, mit dem man sich herumschlagen muss, früher einmal König und pflegenswerter Klient!
Gute Gelegenheit, sich hinter übertriebenen, als bankinterne Weisung verkaufte «Barrieren» im Umgang mit dem Kunden zu verstecken, bietet sich über den Vorwand, Geldwäscherei oder unversteuerte Gelder verhindern zu wollen, bestenfalls geht es wohl eher um die banale Vermeidung von Kosten, neudeutsch als «Cross-Border-Problematik» bezeichnet, oder dem gros­sen Zittern vor der US-Justiz. Dabei haben die Banken gemäss «NZZ» nun deutlich über das Ziel hinausgeschossen. Nichts wirklich Neues auch für den einen oder anderen Finanz-Intermediär…
Angesichts dieser Praxis zur Abwehr potenzieller Neukunden, unterstützt von den jeweiligen internen Rechtsabteilungen mit grosszügiger, ausschliesslich eigenen Interessen dienender Interpretation allgemeiner Geschäftsbedingungen, mit Rückendeckung des eigenen Vereins, pardon Verbandes, und wenn das nichts hilft, der Finanzmarktaufsicht, kann der Bankkunde dabei nur den Kopf schütteln.
Die Compliance-Abteilung, insgeheimer Vormund aller Bankmitarbeiter, so scheint es, bietet jedem Trau-mich-nicht, der sich schon in der Primarschule hinter dem Rockzipfel des Lehrers versteckt und anbiedern musste, indem er seine Mitschüler zuerst verdächtigt und dann verpetzt hat, das ideale Tummelfeld, um aus der Deckung heraus zu schiessen. Früher gab es dafür einfach Ohrfeigen!
Dabei tun sich offenbar Lücken auf, wenn es sich um die Betrachtung eigener Verfehlungen handelt: Wo war denn diese Spezies z. B. bei der Credit Suisse, nach US-Definition eine kriminelle Organisation oder der UBS, führend in Betrügereien im Devisenhandel, bei Libormauscheleien und Front-Running, oder, wie aktuell die Deutsche Bank zeigt, bei Millionensteuerbetrügereien durch Bankmitarbeiter? Ganz zu schweigen von Goldman Sachs, die ihre eigenen Kunden als grosse Deppen tituliert. Der Blick auf die eigenen Reihen würde sich also durchaus lohnen!
Es sind die gleichen Organisationen und die gleichen selbsternannten «Moralapostel», die in Deckung gehen hinter vermeintlichen, internen Regelungen oder selbsterfundenen Gesetzen, die den Anspruch auf ­Moral erheben, aber keine haben, und dabei ihr eigenes, internes Umfeld grosszügig ausser Betracht ­lassen.


Martin Wachter,
Mitteldorf 16, Vaduz

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