Leserbrief

Zauberkraut

Loretta Federspiel, Werthsteig 9, Mauren | 15. Juni 2022

Am Pfingstwochenende konnte man bei der Gartenschau auf dem «magischen Burghügel» in Balzers von der dort vertretenen Buchhandlung Omni das Buch «Wesen und Geheimnis der Neophyten» von W. D. Storl erwerben. Wieder einmal darf man staunen, dass Pflanzen, die wir eingeschlossen in Töpfen transportieren, ebenso wie Menschen und Tierherden wandernde Lebewesen sind. Interessant ist, dass sie oft aus königlichen Gärten und Klostergärten ausgebrochen sind, um die Welt zu erkunden. Der Artenaustausch, also der Einzug der Neophyten – in der Kirchensprache ein Neugetaufter – begann mit der Landung des Kolumbus auf den ­karibischen Inseln. «Meine Augen werden nicht müde, eine so herrliche Vegetation anzusehen, die so verschieden von der unsrigen ist», schreibt er in sein Tagebuch. Exotische Pflanzen wurden wie ebensolche Menschen und Tiere an europäischen Höfen mit Gold aufgewogen und vorsichtig, über die Jahrhunderte hinweg, näherte man sich ihrer heilenden Wirkung an, in­zwischen in ihrer ursprünglichen ­Heimat auf räuberische Art und Weise. Der Kontrollverlust ängstigt jedoch die Menschen, obwohl es auch heisst, dass die Pflanzen, die auf einmal in seiner Nähe auftauchen, ihm etwas mitteilen könnten. In den letzten Tagen, als in unseren Medien aufgerufen wurde, dem Feinstrahl, auch Berufs- oder Beschreikraut, den Kampf anzusagen, wuchs vor meinem Fenster ein einsames Blümchen auf einem hohen Stengel, mit einer Blüte ähnlich der Gänseblümchen oder der Kamille, nur sind die weissen Blütenblättchen noch viel zarter, schmaler, Feinstrahlen eben, und es brachte seine Geschichte mit. Als Eingewanderter wurde es im 18. Jahrhundert den einheimischen Berufskräutern zugesellt. Ein Bad im Absud aus ­diesen Kräutern bewirkt, dass ein durch Schadenzauber «Beschrie­ener, Verfluchter» von seiner Besessenheit befreit wurde. Eine Beschreiung konnte auch durch einen Druiden, einen keltischen Priester, ausgesprochen werden, der dabei mit einem Bein in der Anderswelt stand und durchaus «vergiftete ­Furunkeln» in ein Gesicht zaubern konnte, damit das Böse von allen erkannt wurde. Unsere keltischen Vorfahren und noch unsere Urgrosseltern mit ihrem Blick für die Ausdruckskraft der Pflanzen hätten heute vielleicht für manchen Machthaber ein Kräuterbad zubereitet, um dessen zwanghafte Kontrolle über unsere Krankheit und Gesundheit auszutreiben. Mit einem Bein in der Anderswelt, das heisst im Vertrauen auf göttliche Hilfe, ­könnte uns auch heute noch manches gelingen.

Loretta Federspiel, Werthsteig 9, Mauren

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