Leserbrief

Tönendes Erz, klingende Schellen

Loretta Federspiel, Werthsteig 9, Mauren | 1. Juni 2022

Mit steigendem Befremden las ich den Beitrag des Frauenduos Daniela Fritz, Interviewerin, und der Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach über die «Erschöpfung der Frauen» («Volksblatt», 30. Mai). Ich bin 79 Jahre alt, und erschöpft fühle ich mich nur, wenn ich, meistens aus Selbstverschulden, zu spät schlafen gehe. Das war bei der Lektüre nicht der Grund, warum ich mir die Augen rieb: Wie lange ist es her, dass der Ehemann der Frau «die Erwerbsarbeit verbieten konnte»? Ich habe es nicht mehr erlebt. Es wird gesagt, dass «Fürsorglichkeit als vermeintlicher Teil des weiblichen Naturells, ein Bild, das Frauen früh vermittelt wird» in der Erschöpfung endet. Weil das auch «automatisch aus Liebe» gemacht wird, würde es nicht als Arbeit gelten und müsse nicht bezahlt werden. Auch ich hatte mich dem Zeitgeistkampf um Frauenrechte, den Bildungsmöglichkeiten für alle und damit der weiblichen Unabhängigkeit gewidmet. Frauen, Kinder, Tiere, aber auch Männer sollen nicht ausgebeutet werden. Das Thema «Fürsorglichkeit» ist eine besondere Kategorie. Fürsorglichkeit ist das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Durch Fürsorglichkeit in jedem Vogelnest und in jedem Haushalt drückt sich Leben und Liebe aus. Ja, Frauen denken abends im Bett noch daran, «was sie der Tante zum Geburtstag schenken sollen», und sie fragen sich auch, womit sie ihren Familienangehörigen zum Fest am meisten Freude machen könnten, ob sie die richtigen Kleider fürs Schulkind bereitgelegt haben, was ihr Mann ihr wohl verschweigt, was sie morgen kochen soll und dass der junge Hund auf den Teppich pissen würde. Was ist daran falsch? Es gibt unglaublich viel Banales, Schlimmes, es gibt Ärger, Leid und Liebe in der Welt. Es ist Unsinn zu behaupten, dass Männer «an ihrem Tag spassige Dinge wie einen Zoobesuch» übernehmen und sonst zu nichts fähig sind. Und wenn, dann ist es auch schön, mit dem Vater ganz andere Dinge als mit der Mutter zu erleben. Niemand soll vor lauter Sorgen um andere sein eigenes Leben vergessen. Aber wenn «Geschlechterforscherin» sein bedeuten sollte, dass es nur um Gerechtigkeit, Privilegien, Modelle, Wahlfreiheit, Forderungen, das Recht auf … und Ähnliches geht und dabei nie das Wörtlein Liebe vorkommt, oder höchstens noch als etwas Missbräuchliches erörtert wird, dann sind alle Bestrebungen wie «tönendes Erz und klingende Schelle», «so wäre mir’s nicht nütze». (Apostel Paulus an die Korinther).

Loretta Federspiel, Werthsteig 9, Mauren

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