Leserbrief

Klamme Kassen machen blind

Werner Rittmeier, Werderstrasse 12, Mannheim | 5. Februar 2022

Antwort auf den kenntnisreichen Leserbrief über Briefmarken aus Liechtenstein von Egon Oehri, erschienen im «Volksblatt» vom 3. Februar: Abgesehen davon, dass seine Aussage über die Einmaligkeit beim Ungültigerklären von Postwertzeichen wenigstens in Bezug auf die Deutsche Post AG nicht zutrifft – hier waren es am 1. Juli 2002 1599 Briefmarken plus diverse Ganzsachen –, ist sein Hinweis auf die Nennwertgestaltung, in Sonderheit auf schändliche, ausplünderische Nominalen wesentlich.
Auch wenn die FL-Post insgesamt sparsame Jahresmarkenprogramme fährt: Sie macht fleissig mit im Spiel der Posten, bei sinkenden Sammlerzahlen vs. Verkaufserlösen und geringerem Markenumsatz am Schalter (vermehrt Bar- und Onlinebezahlverfahren), den Umsatzwegfall durch hohe Briefmarkennennwerte ausgleichen zu wollen. Der Sammler will komplett sein und kauft ja.
Die Rechnung in den Marketingabteilungen geht bislang auf, aber vermutlich nicht mehr lange. Jedenfalls haben diese Masche längst auch andere westeuropäischen Postverwaltungen beziehungsweise -unternehmen erkannt. Besonders dreist ist die Poste.fr und Correos.es, – also genau die Länder, die auch auf EU-Poltikebene von höherer Verschuldung reden, die Hand aufhalten und Geldströme zu sich lenken.
Das Spiel: Alle diese in den Planstuben sitzenden Absolventen von Marketingklippschulen statten Sonder-PWz mit Nennwerthöhen aus, die bis in die 1990er-Jahre allein den Dauermarken vorbehalten waren. Deren Funktion, und damit dem Namen folgend, ist ja, bei ständiger Produktion dauerhaft am Schalter vorrätig zu sein. Im Unterschied dazu Sondermarken, die einst im besseren, präziseren Deutsch mal «Gelegenheitsmarken» hiessen und die mit viel kleinerer Auflage einem Sonderanlass galten, den sie popularisieren sollten. Das wurde mit dafür geeigneten und das heisst gängigen Briefpostnominalen (Postkarte, Brief 1.- bis manchmal 3. Gew.stufe) erreicht. Wie sieht es heute aus? Entweder gleich Hochnominale im Nirgendwo ohne Verankerung zu einem Postentgelt oder eben in Höhe zum Beispiel eines Einschreiben-Inlandbriefes. Hohe Porti waren aber immer die Domäne der Dauerserie, selbige hatte eine Verkaufsdauer von fünf und mehr Jahren und eine nochmal sehr viel längere Verbrauchszeit. Das alles ist so gut wie Geschichte, auch in Deutschland, das auf Politebene ja so gerne das «Bessere» beziehungsweise Beispielgebende sein will. Kann man alles vergessen, es regieren die Kennzahlen, die Marketingjobs, die Absahnermentalität. Die ist dann auch blind für das Praktische: Man baut Automatenmarkendrucker ab, erhöht Preise und kann nicht bis Fünf rechnen.

Werner Rittmeier, Werderstrasse 12, Mannheim

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