Leserbrief

Armes Liechtenstein?

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 3. Februar 2022

Wortspiel; ärmlich ist nicht gleich erbärmlich, dennoch oft kein µ breit voneinander entfernt. Nicht lange her, da war der Liechtensteiner noch so arm, dass er die Gülle mit der Güllenkarette ins Riet hinausfahren musste, weil er sich weder Ochs noch Kuh leisten konnte. Einzige Hilfe war seine Ehefrau, die mit einem Strick, vorne an der Karette ziehend, mitgeholfen hat. Deprimierend, in den Armutsberichten des historischen Lexikons zu blättern. Schon ab 1850 begleitete die Briefmarke die Geschichte des Landes und half später für lange Zeit, zusammen mit der aufkommenden Industrialisierung kräftig mit, der Armut zu entkommen und es heisst, dass einst der Briefmarkenverkauf ausreichte, den Staat zu finanzieren. Die Industrialisierung löste die Briefmarke später als Haupteinnahmequelle ab, dafür stieg ihr ideologischer Wert ins Unermessliche. Liechtenstein war bald durch die Briefmarke als Botschafter auf der ganzen Welt berühmt und bekannt und die Briefmarken liessen sich immer noch in hohen Stückzahlen an Sammler in der ganzen Welt gut verkaufen. Bis zu jenem Tag, an dem die Regierung mit ihrer rechtswidrigen Ungültigkeitserklärung Ruf und Geschäft vernichtete. Die NZZ schrieb damals: «Der Todesstoss für die Philatelie Liechtenstein? Liechtensteins Ruf als Land der Briefmarken ist durch die auf den 1. Januar verfügte Frankaturungültigkeit stark angekratzt.» Und der Präsident des internationalen Händlerverbandes Carl-Heinz Schulz schrieb: «Hier wird in grossem Masse die Massenvernichtung von Werten in Kauf genommen, welche jeder Postkunde schon im Voraus bezahlt hat.» Es ist an der Zeit, dass die Regierung die gemachten Fehler korrigiert, das gestohlene Geld endlich rückerstattet und das Ansehen des Landes mit Hilfe der Briefmarke, die immer noch unser bester Botschafter ist, wieder ins rechte Licht rückt. Das Treuhandwesen hat sich ja auch zum Wohle des Landes korrigiert. Und der fragwürdige Casinoboom braucht dringend ein moralisches Gegengewicht.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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