Leserbrief

Welttag für menschenwürdige Arbeit – Aufwertung der Gesundheits- und Pflegeberufe

Liechtensteinischer ArbeitnehmerInnenverband (LANV) | 7. Oktober 2021

Die Bilder der applaudierenden Menschenmassen für Arbeitnehmende im Gesundheitssektor haben während des ersten Lockdown 2020 weltweit für Gänsehautmomente gesorgt. Doch was ist davon übriggeblieben? Haben Pflegerinnen und Pfleger und andere Beschäftigte im Gesundheitswesen von dieser Solidaritätswelle profitiert?
Die Arbeitsbedingungen in den Gesundheits- und Pflegeberufen mögen bei uns nicht so prekär sein wie andernorts. Aber auch in Liechtenstein und der Schweiz klagen Arbeitnehmende in diesem Bereich über zunehmenden Druck, dauernden Stress, Personalmangel, Überstunden, tiefe Löhne und fehlende Lohnentwicklung. Während der Pandemie müssen sie immer wieder über die Grenzen ihrer Belastbarkeit hinausgehen, ansonsten würde unser Gesundheitssystem zusammenbrechen. Seit nunmehr 19 Monaten nahezu ohne Erholungsphase bringen alle an oder über das Limit. Die durchschnittliche Auslastung in den Schweizer Intensivstationen lag in den letzten Wochen bei circa 80 Prozent. Das kann fatale Folgen haben. Auf Intensivstationen sollten immer Betten für Unfallopfer, Herzinfarkte oder andere Notfälle frei sein. Und bereits bei 80 Prozent muss die Pflegequalität der Betreuung reduziert werden. So berichtet eine Schweizer Intensivpflegerin davon, dass beispielsweise die Mundpflege zu kurz komme. Menschen, die künstlich beatmet werden, haben ein erhöhtes Risiko, eine Spitalinfektion einzufangen. Regelmässige Mundpflege senke dieses Risiko und ist deshalb auf der Intensivstation Standard. Aber die Standards können nicht mehr eingehalten werden. Eine andere Intensivpflegerin berichtet von physischem und psychischem Limit, von täglichen Schmerzen und Dehydration, da keine Zeit zum Trinken und für den Toilettenbesuch sei. Auch aus den Alters- und Pflegeheimen berichten Arbeitnehmende von chronischer Überlastung. Einige Pflegefachpersonen haben sich deshalb bereits umorientiert oder gedenken, dies zu tun. Personalmangel war bereits ein Dauerbrenner, die Pandemie hat dies noch verschärft. Dieser Teufelskreis muss gestoppt werden.
Es ist höchste Zeit, etwas an den Arbeitsbedingungen zu ändern. Die Gesundheits- und Pflegeberufe müssen wieder attraktiver werden. Allen Arbeitnehmenden soll gemäss ihrem Aufgabengebiet, der grossen Verantwortung und gefährlichen Arbeit Wertschätzung entgegengebracht werden. Sie sind systemrelevant, also sollen sie entsprechend gefördert und entlöhnt werden. Von ihnen wird grösstmögliche Flexibilität mit Nacht- und Wochenenddiensten verlangt. Auch dafür sollen sie einen fairen Ausgleich erhalten. Mitbestimmung bei den Arbeitszeiten, Personalentwicklung mit Perspektiven und Lohnentwicklung muss Standard sein. Politik und Gesellschaft müssen sich bewusst werden, dass ein «Weiter so» nicht möglich ist. Wir sollten aufhören, Gesundheit als Unternehmen zu behandeln, das Profit machen muss. Vorgesetzte im Gesundheitswesen sollen aufhören, den Kosten- und Spardruck auf die Arbeitnehmenden abzuwälzen. Stattdessen sollen sie finanzielle Mittel einfordern, um die essenzielle Arbeit auf genügend Schultern zu verteilen und die Arbeit fair zu entlöhnen. Und es muss dringend in Nachwuchs investiert werden, umso mehr, wenn wir die demografische Entwicklung berücksichtigen. Sonst werden wir schon bald auf Roboter angewiesen sein.

Liechtensteinischer ArbeitnehmerInnenverband (LANV)

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