Leserbrief

Ärzte und Psychologen schlagen Alarm

Dr. med. René Kindli, Kinder- und Jugendarzt, Mauren | 24. Juli 2021

So die Titelschlagzeile im «Vaterland» vom 22. Juli 2021. Es geht in diesem Artikel um die Versorgung psychisch kranker Kinder und Jugendlicher beziehungsweise deren Nichtversorgung.
Bereits im März habe ich mich mit einem offenen Brief an die Regierung gewandt im Sinne eines Hilferufes für die Jugendlichen und deren psychische Gesundheit. Sowohl das Schulamt als auch das Gesellschaftsministerium haben geantwortet. Man sei sich der Situation bewusst. Leider bewahrheitete sich die Hoffnung des Gesellschaftsministers nicht, dass sich die Probleme der Jugendlichen mit der Eröffnung der Jugendtreffs und der vermehrten Sonnenscheindauer im Frühjahr und Sommer auflösen würden.
Zwei Wochen später gab es im Landtag eine Kleine Anfrage zum Thema «Psychische Gesundheit der Jugendlichen». Die Antwort kann auf der Homepage des Landtages nachgelesen werden. Kurzzusammenfassung: Nein, konkrete Zahlen gibt es in Liechtenstein nicht, aber es gibt genügend Angebote im In- und Ausland.
Nun ist es zwar richtig, dass es diese Angebote gibt, aber sie sind alle übervoll und haben monatelange Wartezeiten.
Trotz coronatechnischer Lockerungen hat sich die Situation seither nicht gebessert. Im Gegenteil: Ich habe etwa alle zwei Wochen ein Erstgespräch mit einem Jugendlichen wegen Depressionen mit Selbstmordgedanken. Dabei bin ich nicht Psychiater oder Psychologe, sondern Kinderarzt. Da Krisen im Allgemeinen nicht langfristig geplant sind, sondern notfallmässig eintreten, gilt es dann gemeinsam mit den Fachpersonen den Jugendlichen und deren Familien zu helfen, indem trotz allseits voller Terminkalender Notfalltermine am Abend, Feiertagen oder in den Ferien «hervorgezaubert» werden. Bisher haben wir uns immer noch irgendwie durchgewurstelt, aber lange wird das nicht mehr gutgehen.
Die Bundesrepublik Deutschland hat ein Hilfspaket von 2 Milliarden Euro gesprochen, um Kollateralschäden der Coronapandemie bei Kindern und Jugendlichen zu dämpfen. Umgerechnet auf die Einwohnerzahl würde das in Liechtenstein einem Betrag von 2 Millionen Franken entsprechen.
Aber zuallererst ist es nötig, dass sich die Entscheidungsträger bewusst werden, wie gross die Not vieler Jugendlicher ist, welcher Druck auf ihnen lastet.
Ich hoffe wirklich, dass der Alarm jetzt gehört wird. Es geht schliesslich um nichts weniger als unsere Jugend, die Zukunft unseres Landes.

Dr. med. René Kindli, Kinder- und Jugendarzt, Mauren

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