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Leserbrief

LiechtensteinGBTQ+ bei Markus Lanz

Orlindo Frick, Dortustrasse 46, Potsdam | 25. Juni 2021

Am Mittwochabend war in der Sendung «Markus Lanz» im ZDF die UEFA, Ungarn und LGBTQ+ grosses Thema, wo folgender Satz von Marcel Reif fiel: «Wenn wir nur noch da (Fussball) spielen, wo alles in Ordnung ist, dann spielen wir nur noch in der Schweiz oder Liechtenstein.»
Ein Satz, über den sich Liechtenstein Marketing sicherlich freuen dürfte. Ich zumindest habe herzlich darüber gelacht, wenn auch aus anderen Gründen. Ist in Liechtenstein in puncto Gleichberechtigung und Menschenrechte wirklich alles «in Ordnung»? Schauen wir mal:
• Laut der «Rainbow Europe»-Liste haben nur zehn Staaten in Europa eine queerfeindlichere Gesetzeslage als Liechtenstein, das auf der Liste nur einen Platz über Ungarn rangiert. (https://www.queer.de/detail.php?article_id=38881).
• Erst vor ein paar Monaten hat unser Fürst bekanntlich durch die Blume zu erkennen gegeben, dass das Fürstenhaus von dem Vetorecht Gebrauch machen könnte, sollte der Landtag die Gleichstellung von heterosexuellen und gleichgeschlechtlichen Paaren im Adoptionsrecht beabsichtigen. Um das zu begründen, deutete seine Durchlaucht an, Homosexualität und Pädophilie würden in Korrelation sehen und meinte, Kinder sollten in «normalen Familien» aufwachsen.
• Erst vor einer Woche erklärte der Staatsgerichtshof das Adoptionsverbot für eingetragene homosexuelle Paare für verfassungswidrig, gab dem Landtag ein Jahr Zeit, dies zu korrigieren und forderte im Zuge dessen eine «Gesamtanalyse der Rechtsstellung der eingetragenen Partnerschaft». Heisst: «Ehe für alle» sollte auch im kleinen, konservativen Liechtenstein möglich sein.
• Liechtenstein ist einer der letzten Staaten Westeuropas ohne «Ehe für alle» (auch die Schweiz ist uns voraus, die im September darüber abstimmen will).
Was nicht verwunderlich ist, denn das Ländle war noch nie ein Massstab für Gleichberechtigung und demokratische Menschenrechte. Siehe Frauenstimmrecht 1984. Siehe Verfassungsänderung 2003. Ein Rechtsstaat, der noch in den 1970er-Jahren Liechtensteinerinnen von Gesetzes wegen des Landes verweisen konnte, wenn sie Ausländer heirateten (Liechtensteiner, die Ausländerinnen heirateten selbstverständlich nicht). Damals war das «normal».
Kurzum: Es bleibt kompliziert. Das Ländle ist sicherlich in vielen Bereichen eine kleine Oase, genauso, wie es die Werbung gern suggeriert.
Aber beim Thema Gleichberechtigung gibt es auch im schönen Liechtenstein noch erhebliches Verbesserungspotential. Und das behaupte ich als weisser, heterosexueller Mann, der sein Leben lang keine nennenswerte Diskriminierung erfahren musste. Ein Zustand, der im Jahr 2021 nun wirklich jedem Menschen zusteht. Egal wo, egal unter welcher Staatsform. Erst recht im Herzen Europas!

Orlindo Frick, Dortustrasse 46, Potsdam

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