Leserbrief

Forstwirtschaft auf dem Holzweg

Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Vaduz | 15. April 2021

Indikatoren bei der Beurteilung des Umgangs mit dem Wald bilden die potenziell nutzbare und die effektiv genutzte Holzmenge: Die potenzielle Nutzungsmenge ihrerseits ist abhängig von der Fläche der für eine Holznutzung geeigneten Wälder; die dort jeweils herrschenden Standortsbedingungen bestimmen den jährlichen Holzzuwachs. Bei einer heute für die Holznutzung geeigneten Fläche von 3000 ha kann eine Holznutzungsmenge von jährlich max. 18 000 m³ als ökologisch nachhaltig eingeschätzt werden; 1975 waren dies nur 8960 m³ bei einer damals nutzbaren Waldfläche von 2235 ha. Aber diesem Holznutzungspotenzial steht seit 10 Jahren eine tatsächliche Holznutzung von jährlich über 24 000 m³ gegenüber: Der Liechtensteiner Wald wird seit Jahren geplündert – dabei vor allem der Bergwald. Die Holzungen erweisen sich als grobschlächtiger Raubbau; dabei erfolgt dieser Raubbau ohne wirtschaftliche Notwendigkeit sowie ohne gleichzeitigen kompensatorischen ökologischen oder gesellschaftlichen Nutzen: ganz im Gegenteil – die zunehmend in die Fläche ausufernden Waldplünderungen nagen an Lebensräumen, die eigentlich als Rückzugslebensräume für wild wachsende Pflanzen und wild lebende Tierarten gedacht sind – wo sonst sollen diese denn noch langfristig gesicherte Lebensmöglichkeiten finden? Und zudem – die von Tag zu Tag auf grösseren Flächen wirksame Mechanisierung sowie das Befahren der Waldböden mit schweren Forstmaschinen gefährden die Qualität des Waldes als funktionierender, vor allem aber als sauberer und von Chemikalien verschonter Wasserspeicher. Die Forstwirtschaft führt auf dem Holzweg mit kurzsichtigem Raubbau zum langfristig wirksamen Kahlschlag der Nachhaltigkeit: Sie steht im ­Widerspruch zum Gesetzesauftrag. ­Ursache dafür bilden das Fehlen verbindlicher Planungsinstrumente: Eine wirksame fachlich-technische Leitung der Forstbetriebe seitens des verantwortlichen Amtes lässt sich kaum erahnen; die einzelnen Forstbetriebe werkeln kleinsträumig nach eigenem Gutdünken und ohne Rücksichtnahme auf die zwingend erforderliche Gesamtschau. Und die Vertreter dieser kranken «Forstwirtschaft» – sie schreiben den Schutz des Waldes mit hohlen Parolen wie «wir schützen deinen Schutzwald» auf ihre Banner; sie lasten den von ihnen angerichteten Schaden dem Borkenkäfer, dem Eschensterben oder der Gämse an – ach, wenn doch der geschundene Bergwald nur annähernd so lauthals röhren könnte wie ein brunftiger Hirsch, dann würde er wohl ­Gehör bei einer echten und glaubwürdigeren Lobby finden.

Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Vaduz

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