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Leserbrief

Hilferuf für unsere Jugendlichen und Adoleszenten

Dr. med. René Kindli, Kinder- und Jugendmedizin, Weiherring 10, Mauren | 24. März 2021

Offener Brief an die Regierung, Schulamt, Amt für Gesundheit.
Zur Sicherung der psychischen Gesundheit müssen folgende Grundbedürfnisse befriedigt werden: Bindung, Selbstwerterhöhung, Kontrolle/Orientierung, Lustgewinn.
In allen vier Bereichen sieht es momentan für die Jugendlichen und Adoleszenten sehr düster aus.
•Bindung: In diesem Alter geht es darum, sich vom Elternhaus abzunabeln, neue Freunde kennenzulernen, Beziehungen einzugehen. Da momentan kein Ausgang möglich ist, geht das nicht.
•Selbstwerterhöhung: Die Erfolgserlebnisse durch Sport, Hobbys, ­Sozialkontakte bleiben aus.
•Kontrolle/Orientierung: Das letzte Jahr hat uns gelehrt, dass gar nichts sicher und eindeutig ist. Niemand weiss, wie lange das noch dauert. Auch wir Erwachsene können den Jungen keine Sicherheit geben. Besonders schlimm ist es für diejenigen, die in der Berufsfindung sind. Zu Coronazeiten gibt es nur wenige Schnupperstellen.
•Lustgewinn: Da bleibt fast nur noch der Lustgewinn aus digitalen Spielen und Suchtmittel.
Werden diese Grundbedürfnisse nicht befriedigt, führt dies zu Resignation (Rückzug, Depression) und/oder Aggression.
Es liegt mir fern, in das allgemeine Coronagejammer einzufallen. Klar, wir möchten alle wieder normal und unbeschwert leben können. Die Einschränkungen nerven uns auch zunehmend mehr. Während wir Erwachsenen hoffentlich dank unserer Vernunft und Lebenserfahrung Möglichkeiten haben, mit dieser aussergewöhnlichen Situation umgehen zu können, sieht es für die Jugend ganz anders aus. Der Druck von Schule und Gesellschaft war vorher schon immens, hat jetzt aber durch Homeschooling, Homeoffice und Lockdown noch massiv zugenommen. Zudem werden den Jugendlichen alle Formen eines emotionalen Ausgleichs genommen. Sie dürfen sich nicht mehr treffen. Sport ist weiterhin nicht in der ursprünglichen Form möglich. Die einzige Art, Sozialkontakte zu pflegen und sich sportlich auszutoben, bleibt in der digitalen Form. Sowohl Shooterspiele als auch beispielsweise FIFA dient bei den meisten nicht dazu, Stress abzubauen.
Seit mehreren Wochen nehmen in unseren kinderärztlichen und kinderpsychologischen Praxen Konsultationen wegen Depressionen, Stress und Überlastungssituationen stark zu. Zunehmend kommt es zur Schulverweigerung.
Die kinderpsychologischen und kinderpsychiatrischen Praxen sind jetzt schon übervoll und müssen täglich Patienten abweisen. Stationäre Einrichtungen haben Wartefristen von drei bis sechs Monate.
Und dabei ist, das was wir jetzt sehen, erst die Spitze des Eisberges. In den nächsten zwei bis fünf Jahren wird uns das Ganze noch viel mehr um die Ohren fliegen.
Wir müssen dringend handeln, ­ansonsten wird es eine ganze Generation büssen müssen.
Es braucht neue Konzepte und Ideen, um den Druck zu reduzieren und die Lebensfreude wieder zu erhöhen.
Natürlich habe ich auch keine einfache Lösung, denn die gibt es nicht. Mein Anliegen ist es, dass wir alle uns der Problematik bewusst werden und gemeinsam nach Lösungen suchen.

Dr. med. René Kindli, Kinder- und Jugendmedizin, Weiherring 10, Mauren

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