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Leserbrief

Corona und die Schuhe

Norman Wille, Auring 9, Vaduz | 22. März 2021

Manchmal, während die Nachrichten rund um «Corona» an meinem Kopf vorbeibrettern, versuche ich, innezuhalten, und ein wenig zur Ruhe zu kommen. Das ist gar nicht so einfach. Es schleichen sich ­Ge­danken ein, von einer Zeit, in der unsere Kinder zur Schule gingen, unsere Restaurants zum Ausgehen eingeladen haben. In der wir völlig selbstverständlich unsere Sozialkontakte gepflegt haben. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der wir alle … gelebt … haben. Ich setze mich hin und schaue mir das Karussell an, das vor einem Jahr, fatalerweise, angefangen hat, sich zu drehen. Und ich stelle mir vor, dass auch anderes angefangen hat, sich zu drehen: Unsere Eltern und Grosseltern, die sich angesichts unseres Verhaltens vermutlich rege im Grab umdrehen. Jahrzehnte haben sie gebuckelt und gewerkelt. Haben versucht, sich und ihre Kinder irgendwie durchzubringen. Damit es allen irgendwann «ein wenig besser» geht. Und, bei aller Kritik, bei allem Konsumrausch, bei allen Problemen mit dem Klima, über die wir sprechen müssen. Es geht uns allen besser. Ich erinnere mich an lange Gespräche mit meiner Grossmama, geboren 1904, in ­einem kleinen Bündner Bergdorf. War für eine ärmliche, hoffnungslose Zukunft. Auch sie war eine von denen, die dafür gekämpft haben, dass diese Zeiten irgendwann vorbeigehen mögen. Und das sind sie, tatsächlich. Es geht uns allen besser. Dafür sollten wir dankbar sein, was wir nicht sind. Wir sind gerade dabei, vieles von dem, was in den Generationen vor uns auf­gebaut worden ist, fahrlässig zu ­gefährden, oder noch schlimmer, zu zerstören. Im «Coronarausch», bar jeder Vernunft, bar jedes gesunden Menschenverstandes, verschleudern wir Millionen und Milliarden, um ein Virus zu bekämpfen, anstatt ganz einfach die gefährdeten Gruppen besser zu schützen. Wir verschenken unser Volksvermögen, als gäbe es kein Morgen. Ohne mit der Wimper zu zucken, und ohne Empörung. Früher hätte ich ­gesagt: Kann es sein, dass wir ­kollektiv neben den Schuhen stehen? Heute würde ich sagen: Ja, das tun wir. Wir stehen kollektiv neben den Schuhen. Ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis wir realisieren, dass wir barfuss unterwegs sind.


Norman Wille,
Auring 9, Vaduz

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