Leserbrief

Genealogie

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 20. März 2021

Das war nämlich so: Er war Bauer mit ein paar Kühen, drei Schweinen, Hühnern mit nur einem Güggel, einer Frau und einem guten Ross. Das langte, um sich und seine Familie zu ernähren. Direktzahlungen gab es nicht. Aber die Arbeit war mühsam und so dachte er sich, sein Sohn sollte es dann einmal besser haben und so schickte er ihn in die Fabrik, wo er an der Spitzendrehbank sein Auskommen fand. Aber auch er dachte sich, sein Sohn sollte es auch besser haben und so lernte der Junge technischer Zeichner Konstrukteur. Früher die mit den weissen Mänteln in der Fabrik. Doch dieser weisse Mantel schien auch manchmal zu eng und so schickte der Zeichner seinen Sohn auf die Bank. Aber auch der Bänker ahnte, dass Bänkerstühle auch nicht das Gelbe vom Ei sind und so schickte er seinen Sohn dann in die Treuhänderei. Dort war es dann relativ gut. Melken, aber keine Kühe, Dinger drehen, aber nicht aus Metall, Konstruieren, aber keine Maschinen, Bänkeln, aber um des Bänkelns Willen. Doch auch die Treuhänderei war im Grunde nur Schinderei an und für sich. So wie Selbstbefriedigung. Das ist auch Liebe an und für sich. Und so dachte sich auch der Treuhänder, sein studierter Sohn sollte es besser haben und schickte ihn zum Staat. Und in der Folge schickte der Staatsangestellte seinen studierten Sohn auch zum Staat und jener seinen studierten auch und so immerfort. Das führte dazu, dass der Staat immer gebildeter und gescheiter wurde. Einer meinte sogar, er würde immer raffinierter, aber das kann ja gar nicht sein. Obwohl? Damit der Bauer die ganze Genealogie nicht wieder von Neuem lostreten kann, begann die studierte Übermacht, den Bauer mit Geld zu überhäufen und ihm das Fordern der Direktzahlung als Pflichtfach aufzuerlegen. Mit dem vielen Geld begann der Bauernstand nun Ställe und Mietshäuser zu bauen, dass es nur so «klepft». Und so geht das immerzu und immerfort, bis zu dem Tag, an dem die letzte grüne Wiese verschwunden ist und die Gene den Tanz ums Goldene Kalb verloren haben.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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