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Leserbrief

Vielfalt statt Einfalt

Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Vaduz | 31. Dezember 2020

Wo sind sie geblieben, die farbenfrohen Blumenwiesen meiner Kindheit, die Heuwiesen mit ihren drolligen Feldhasen und den Myriaden von nerventötende Strophen zirpenden Heuschrecken, die extensiven Viehweiden mit Kühen, die noch einen Hügel hochzulaufen vermochten, die Lerchen, die sich im wirbelnd-trillernden Singflug über fruchtbare Gemüseäckerchen in den Himmel wanden, die Bongerten, die dem Wiedehopf Nahrung und Bruthöhlen boten und die altehrwürdigen, jahrhundertelang sich selbst erneuernden Waldbestände, die weder Axt noch Säge sahen? Sie alle gibt es kaum mehr – und meine Enkel werden sie, auch nur annähernd ähnlich, wohl nicht mehr erleben können: Bauern und Förster nehmen den biblischen Auftrag, sich die Erde untertan zu machen, zu wörtlich – und das gestützt auf kurzsichtige Bewirtschaftungsweisen und unheilige Subventionen: Natur und Landschaft drohen Einfalt statt Vielfalt.
Die Vielfalt von Lebensräumen, Arten und Genen ist essenziell, um ihrer selbst willen, aber gerade auch für den Menschen: Er bleibt trotz aller Technik von der Natur abhängig. Umso dankbarer gilt es für alle Aktionen zu sein, die von Gemeinden, Vereinen und ganz besonders von engagierten Naturfreunden unternommen werden, die Biodiversität in ihrem Einflussbereich zu fördern: Sie spielen eine ihre Verantwortung wahrnehmende Vorreiterrolle. Doch ihre beispielhaften Aktionen wirken nur auf kleiner Fläche – im Vergleich zur auf 75 Prozent der Landesfläche wirksamen Biodiversitäts-Vernichtungsmaschinerie der Land- und Forstwirtschaft.
Fakt ist, dass die Folgen des Biodiversitätsverlusts im europäischen Alpenraum direktere Wirkung entfalten als jene des Klimawandels; sie werden auch fatalere Folgen zeigen: Umso schwerer wiegt das Fehlen eines integralen Biodiversität-Monitorings; und was noch schlimmer ist, das Fehlen einer erkennbaren staatlichen Strategie zur Erhaltung und Förderung dieser Biodiversität – und dies trotz den mit der Biodiversitäts-Konvention eingegangenen Verpflichtungen.

Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Vaduz

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