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Leserbrief

Corona und die Verhältnismässigkeit

Norman Wille, Auring 9, Vaduz | 23. Dezember 2020

Ich habe vor einiger Zeit in den Medien von einem Kind gelesen, das schwer an Krebs erkrankt ist. Es ging dabei um eine Streitigkeit mit der Krankenkasse. Es bestand Uneinigkeit darin, was verhältnismässig ist. Und was nicht. Wer immer das auch entscheiden kann … Wenn ich richtig gelesen habe, hätte für das kranke Kind nur dann eine Ueberlebenschance bestanden, wenn es ein völlig neuartiges Medikament erhalten hätte. Das Problem dabei: Die, vielleicht noch so kleine Hoffnung auf Besserung oder Heilung hätte rund eine Million Euro gekostet. Ich habe es dann nicht mehr weiter verfolgt, aber die ersten Reaktionen der Krankenkasse waren wenig ermutigend.
Ich weiss noch nicht einmal, ob sich diese Geschichte so wirklich zugetragen hat. Aber sie offenbart in jedem Fall ein Dilemma, das wir nicht lösen können. Ein Menschenleben ist unbezahlbar. Die Frage ist, ob Hunderttausende von Menschenleben auch unbezahlbar sind. Und das ist nicht eine rein ethische Frage. Selbstverständlich hätte jede Krankenkasse dem schwer kranken Kind das Medikament für rund eine Million Euro zur Verfügung stellen können. Bevor wir das tun, müssen wir für uns selber aber die Frage beantworten: Könnten wir im Zweifelsfalle, rein grundsätzlich, für jeden Patienten so viele Mittel aufwenden ? Nein, natürlich können wir das nicht. Es ist, bei aller ethischen Krux, letztlich ein Abwägen der Verhältnismässigkeit. Und zwar im Sinne aller. Das ist für die Betroffenen schmerzlich, letztlich aber wohl unvermeidbar. Nichts spricht gegen Einzelfallentscheidungen. Stellt sich nur die Frage, wer diese trifft. Und auf welcher Grundlage.
Es ist eben diese Verhältnismässigkeit, die ich in der seit neun Monaten dauernden Coronakrise vermisse. Alleine unser Nachbarland Österreich hat zur Bekämpfung der Pandemie nach vorläufigen Berechnungen rund 60 000 Millionen Euro ausgegeben.
Hätten wir nur einen Bruchteil dieser Summe für die Beseitigung der prekären Missstände in Spitälern und Pflegeheimen ausgegeben, dann wären wir nie in die Verlegenheit gekommen, das «Gesundheitssystem vor Ueberlastung» schützen zu müssen. Und – wir wären für kommende Pandemien wenigstens gerüstet.

Norman Wille, Auring 9, Vaduz

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