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Leserbrief

Wachrütteln, hinnicht wegschauen

Regine Jäger, Sonnblickstrasse 12, Vaduz | 19. Dezember 2020

Wegen des Virus ist es eine nicht einfache Zeit für die Menschen auf der ganzen Welt. Unsicherheit, Angst und Hilflosigkeit machen sich breit. Trotzdem sollte die Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe nicht verloren gehen. Ich musste leider am eigenen Leib erfahren, dass die Menschen weg- statt hinschauen.
Am Freitagabend, den 4. Dezember, war ich zu Fuss auf der Hauptstrasse in Vaduz unterwegs. Ich ging bei der Herrengasse Richtung Restaurant Löwen und habe die schöne Weihnachtsbeleuchtung bestaunt, als ich plötzlich auf dem Trottoir über ein Hindernis stürzte. Ich hatte so einen Schreck, dass ich auf dem Boden lag und mich nicht bewegen konnte – bei einem Boxkampf wäre es ein K.o. gewesen. Dann spürte ich den Schmerz im ganzen Körper. Ich benötigte meine ganze Kraft, um aufsitzen zu können. Mir war schwindlig und ich benötigte einige Anläufe, bis ich aufstehen konnte. Doch niemand half mir. Es waren Leute auf der Strasse und ich wurde nicht wahrgenommen. Da ich kein Handy dabei hatte, konnte ich auch niemanden anrufen. Als ein Paar in meine Richtung spazierte, kam die Hoffnung auf, endlich Hilfe zu bekommen. Doch auch sie nahmen mich nicht wahr und überquerten die Strasse. Ich versuchte, mich bemerkbar zu machen – leider erfolglos. Ich fühlte mich hilflos und begann auch zu frieren. Schliesslich nahm ich meine ganze Kraft zusammen und betete und schaffte es zu Bekannten, die in der Nähe wohnen. Ich musste mich im Spital behandeln lassen und da wurde mir mitgeteilt, dass ich nicht die Einzige sei, die diese Erfahrung der fehlenden Nächstenliebe machen musste. Aber ohne Nächstenliebe, ohne Hilfsbereitschaft und Vertrauen geht die Menschheit verloren. Dieser Leserbrief soll niemandem einen Vorwurf machen, er soll aber wachrütteln.

Regine Jäger, Sonnblickstrasse 12, Vaduz

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