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Leserbrief

Weissrückenspechts Christkindlwunsch

Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Vaduz | 19. Dezember 2020

Schauen wir auf den stark gefährdeten Weissrückenspecht, wie er – hoch spezialisiert – in forstlich kaum beeinflussten, altholzreichen Wäldern an absterbenden Bäumen und Totholz nach Insekten jagt. Er muss ein gewiefter Jäger sein, sonst wäre seine Linie schon lange ausgestorben: Wenn er jagt, muss er auf den Habicht achten, von dem er verfolgt wird; erkennt er den Feind, muss er das Richtige tun, um sich zu retten. Auch in anderen Tätigkeiten muss er tüchtig sein: Er muss wissen, wo er einen sicheren Ruhe- und Nistplatz findet, wann die Zeit für die Jagd günstig ist oder wie er den Winter überleben kann. Und dann gibt es noch, so wie es seit jeher ist, eine Zeit im Jahr, in der er besondere Lebenssäfte zirkulieren verspürt: Er reagiert sogleich und hält nach einer Partnerin Ausschau. Findet er sie, eben diese wählerische und anspruchsvolle Artgenossin, muss er sie mit einem aufwändigen Paarungsvorspiel davon überzeugen, dass er der Beste ist. Und danach, ja dann muss er unentwegt durch seine Jagdgründe streifen und Frau Weissrückenspecht – von bis zu Sechsen schwanger – und später die erst rosig-lachsfarbene und nackte, aber nichtsdestotrotz lebhaft fordernde Jungmannschaft versorgen.
«Weissrückenspechten» ist ein anspruchsvoller Job, nicht etwas, was von Amateuren gemacht werden kann. Man kann sagen, «Weissrückenspechten» ist ein Beruf: Um zu überleben, muss er einen geeigneten Lebensraum vorfinden und gleichzeitig muss er selbst beruflich fit sein. Treffen seine besonderen Fertigkeiten und ein geeigneter Lebensraum nicht gleichzeitig zusammen, gibt es kein «Weissrückenspechten» – die Nische «Weissrückenspechten» liegt brach. Da diese ungenutzte Nische aber mehr ist als ein physischer Ort, nämlich ein Glied im grossen, vernetzten Räderwerk des Lebens, liegt auch das Potenzial der Nische brach: Es bleiben von ihr erwartete günstige Wirkungen auf die Mitwelt aus.
Auch «Waldwirtschaften» ist ein anspruchsvoller Job, der nicht von Amateuren gemacht werden kann: Es umfasst überlegtes Tun und ebensolches Unterlassen – mit dem Ziel, möglichst vielen Arten günstige Lebensräume zu erhalten und gleichzeitig wichtige menschliche Nutzungsinteressen zu befriedigen. Zur Sicherung seines Lebensraums wünscht sich der Weissrückenspecht deshalb, dass eine Kompetenz «nachhaltiges Waldwirtschaften» dauerhaft etabliert wird: Anstelle grobschlächtigen Holzfällens käme dann eine fein abgestimmte, ökologisch, ökonomisch und sozial begründete Walderhaltungsstrategie zum Tragen; da gälte es, den Wald nicht nur als Energie- und Holzlieferanten, sondern als multifunktionales Ökosystem zu verstehen: Dies erforderte waldbauliche Führung und Sachkompetenz bei der technischen Leitung der Forstbetriebe. Aber nein – trotz über 40 Prozent Waldanteil ist die Kernkompetenz Waldbau bestenfalls auf der dritten Hierarchieebene der Landesverwaltung angesiedelt – zum Leidwesen des Weissrückenspechts.


Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Vaduz

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