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Leserbrief

Zufall oder …

Antonio Rossettini, Im Riet 31, Triesen | 10. Dezember 2020

Das Volk konnte demokratisch mitentscheiden über den Neubau des Landesspitals und damit zugleich Ja sagen zu der immerhin 72,5 Millionen teuren Finanzierung dieses Jahrzehnteprojekts, die nicht nur von «denen da oben», sondern vor allem von den Liechtensteiner Steuerzahlern gestemmt werden wird. Freude herrscht. Am Samstag, den 21. November, war dann im «Liechtensteiner Volksblatt» zu lesen, dass das Siegerprojekt erkoren worden ist und es war zu sehen, wie das neue Landesspital aussehen wird, schön und gut. Des Weiteren waren die beim Architekturwettbewerb eingereichten Projekte (die Pläne und die Modelle) vom 28. November bis zum 2. Dezember in der Spoerry-Halle auf dem Areal der Uni in Vaduz ausgestellt und somit der Öffentlichkeit zugänglich. Ich meldete mich für Mittwoch, den 2. Dezember an, um diese Wettbewerbsprojekte anzuschauen, musste mich aber leider krankheitsbedingt wieder abmelden. Mein Interesse lag dabei rein an der Schönheit der Projekte, da ich keinerlei Kompetenz auf diesem Fachgebiet besitze.
Und dann ging mir durch den Kopf, warum diese Ausstellung eigentlich nach dem «öffentlichen, anonymen Architekturwettbewerb» durchgeführt wurde. Das Volk darf also mitbezahlen, aber nicht mitentscheiden?
Es ist in Zeiten wie diesen verstärkt die Rede davon, dass wir im Land einkaufen sollen, von Solidarität mit dem Handel, dem Gewerbe und der Gastronomie. Dann frage ich mich aber, warum das Land Jahr für Jahr Millionen in unsere talentierte Jugend bis hin zu den Studenten – auch für das Studium der Architektur – investiert und man dann das Projekt an einen Schweizer Architekten in Winterthur vergibt? Die Vergabe erfolgte durch die Firma Bau-Data AG aus Schaan, einer Schweizer Firma, die auch einen Sitz in Liechtenstein hat … Zufall?
Das Siegerprojekt hat also das Preisgericht überzeugt. Aber wer hat da entschieden? Anonym? Bei einem so wichtigen Projekt, das das Volk bezahlt? Warum wird ein Jahrzehnteprojekt mit beinahe historischer Bedeutung in die Hände eines ausländischen Architekturbüros gelegt (das Landtagsgebäude lässt übrigens grüssen, hier war ein deutscher Architekt am Werk)? Und was ist mit unserer Jugend? Ist sie noch nicht reif genug, soll sie ewig weiterstudieren?
Übrigens: Der Entwurf des Gebäudes der ehemaligen Medicnova Privatklinik in Bendern stammte, soweit ich mich erinnern kann, von einem jungen Architekten aus Liechtenstein und wurde am Tag der offenen Tür von der Bevölkerung mit viel Lob und Anerkennung bedacht (dafür, dass das Gebäude später in ein Casino umgewandelt wurde, trifft den Architekten natürlich keine Schuld).
Und die Moral von der Geschichte? Zufall oder … Ein Schelm, wer Böses denkt.
Da Liechtenstein Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums ist, müssen solche Projekte auch im EWR ausgeschrieben werden – die Schweiz ist nicht Mitglied des EWR, der Liechtensteiner Sitz der Firma Bau-Data natürlich schon, aber gegen eine so grosse Firma mit mehreren repräsentativen Büros in der Schweiz ist die Chance, etwas zu gewinnen, gleich null.
Oh, fast hätte ich es vergessen: Das war ein korrekt ausgeführter Wettbewerb – öffentlich, aber anonym.

Antonio Rossettini,
Im Riet 31, Triesen

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