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Leserbrief

Voltaire? Ach woher!

Mathias Ospelt, Mareestrasse 10, Vaduz | 28. November 2020

Vergangenen Mittwoch war es wieder soweit. Der französische Philosoph Voltaire wurde aus dem Zitate-Mottenschrank geholt, um den Ungläubigen das Wort des Propheten zum wiederholten Male um die Ohren zu hauen. «Ich teile deine Meinung nicht, aber ich gebe mein Leben dafür, dass du sie sagen darfst.» «Müssig» sei es inzwischen, dies zu tun, hiess es dazu leicht säuerlich, aber im Sinne der selbstlosen Volksaufklärung müsse es leider sein.
Müssig ist es auch, darauf hinzuweisen, dass dieses Zitat, das immer und immer wieder Eingang in die Leserbriefspalten findet, wenn es darum geht, dass jeder Körperlaut als freie Meinungsäusserung nicht nur zugelassen werden muss, sondern auch noch als einzig wahre Tatsache zu gelten habe, – Achtung: Jetzt kommt’s! – gar nicht von Voltaire stammt. So schade! Und richtig schade dürfte es für einige Zitat-Junkies sein, dass dieses Zitat von einer Frau stammt! Welch Graus!
Der Satz, der im Original gar nicht richtig französisch klingen mag – «I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it» –, stammt von der englischen Schriftstellerin und Voltaire-Biografin Evelyn Beatrice Hall (1868–1956), die unter anderem im Jahre 1906 unter dem Pseudonym S. G. Tallentyre die Biografien-Sammlung «The Friends of Voltaire» herausbrachte. In dieser Publikation findet sich denn auch genannter Satz, zu dem sich keine Quelle in Voltaires Werk finden lässt. Hall wollte damit lediglich in ihren eigenen Worten die Einstellung des aufgeklärten Dichters gegenüber der Verblendung charakterisieren. Eine in der Literatur seit ewigen Zeiten angewandte Vorgehensweise.
«So what?» Werden sich nun all jene auf gut französisch fragen, die es bereuen, nicht mit Voltaire Ziegen gehütet zu haben, da er doch ganz offensichtlich ihrer Meinung gewesen wäre. Ja. Und jetzt? Vielleicht könnten ab jetzt all jene, die sich in ihren nach wie vor veröffentlichten Wortspenden auf die unterdrückte Meinungsfreiheit berufen, ab und zu mal darauf achten, dass zumindest derjenige Teil ihrer Meinung, den sie von woanders holen, auch den Faktencheck besteht. Noch besser wäre es natürlich, wenn dieser Faktencheck bereits vor der Veröffentlichung einer Meinung vom Schreibenden selbst vollzogen wird, aber das nimmt der ABC-Suppe natürlich das Salz. Schliesslich will man ja nur spielen.

Mathias Ospelt, Mareestrasse 10, Vaduz

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