Leserbrief

Das Jahr der «Spuderi»

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 24. September 2020

Eines ist gewiss. COVID-19 enthüllt die in uns Menschen nur ungern gesehene Subtraktion und lässt uns gewahr werden, was wir doch für haltlose «Spuderi» und «Trieli» zu sein scheinen. Subtraktion, weil nach und nach zieht uns dieses unheilschwangere Virus das Hirn aus seiner Verankerung. Die nasse Aussprache, ein in der Evolution nicht vorgesehenes Entsetzen der menschlichen Abtrennung von den, vom Schöpfer ausgedachten Vorgaben und Ideen, holt uns gnadenlos ein und führt uns krass vor Augen, wie unweit wir noch von unseren nächsten Verwandten entfernt sind. Die nasse Aussprache hätte den Menschen schon früh aussterben lassen, denn je voluminöser und gehaltvoller sie ist, desto grösser ist die Gefahr der Dehydrierung, welche über kurz oder lang die Augen für immer zu schliessen vermag. Hinzu kommt, dass man, dem menschlichen Überlebensdrang folgend, Mitmenschen die einem selbst nach einem kurzen Gespräch eine unappetitliche Dusche mitten ins Gesicht verabreichen, weiträumig meidet. So geschah es, dass im Laufe der Entwicklungsgeschichte des Homo erectus, diese unerträglich matschigen Erdenbürger nach und nach immer weniger wurden. Dehydriert und ohne Nachkommen; denn welche Frau heiratet schon einen Mann der ihr unentwegt das Dekolleté versabbert, wurde die Gesellschaft fast stubenrein. Die wenigen verbliebenen Feuchtsprecher, wären nun auch kurz vor ihrem Aussterben angelangt, wenn nicht COVID-19 uns einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machte. Nun mit der Maske bleiben sie in ihrem unappetitlichen Tun unerkannt, können ihr feuchtes Geschwätz sogar staatlich angeordnet verbergen, finden wieder zusammen, heiraten und vermehren sich und die über Jahrtausend währende Selektion vom Feucht- zum Trockensprech war schlichtweg für die Katz. Es sind nicht wenige unter uns, welche noch viel mehr vermuten, was sich unter der Maske abspielt, wie nur die Viren in sich tragenden kleinen Tröpfchen. Nein, es sollen auch feste Bestandteile, wie etwa Fleichkäsbröckli oder sogar kleine Käsknöpfli, die der reine und hygienisch aufgeräumte Mensch nach dem Kauen im Magen verräumt, unter den wahrscheinlich bis in weite Zukunft zum Antlitz gehörenden Stofffetzen befinden. Coronaleugner, selbsternannte Freizeit Viro- und Bakteriologen geraten oft in ekstatisches Schwärmen, wenn sie davon erzählen, wie sich dort nach dem Essen und Sprechen neues Leben entwickelt. Aber nun ist sie da, die neue Zukunft, der es gilt unerschrocken hinter die Maske zu blicken.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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