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Leserbrief

Noch wage ich zu hoffen

Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Postfach 148, Vaduz | 25. Juli 2020

Auf dem Rücken im Moos liegen und schauen, wie auf dem Gegenhang die Bäume wachsen, antwortete ein gewiefter Bergwald-Förster auf die Frage, was er den ganzen Tag so mache. Tatsächlich, dieses Wald-Schauen kann, beispielsweise im Valüna- oder Valorschtal, aufschlussreiche Erkenntnisse liefern. So sieht man als Zeugen der damaligen Kahlschlagwirtschaft und den nachfolgenden, ähnlich einem Türkenacker dichten Neuanpflanzungen über hundertjährige, grossflächig gleichförmige Waldbestände: monotone, instabile und schädlingsanfällige Fichtenforste, die mit ihrem einschichtigen und dicht geschlossenen Dach mickriger Baumkronen kaum ein Sonnenlicht auf den Waldboden kommen lassen; selbst den an und für sich dort heimischen Pflanzen- und Tierarten bieten sie kaum eine Lebenschance. Selbstredend ist es dort auch müssig, ohne eine vorzeitig eingeleitete, sanfte und über Förstergenerationen dauernde Bestandesüberführung, eine natürliche Waldverjüngung erwarten zu wollen.
Im krassen Gegensatz dazu sieht man vom Samina- und Valorschbach bis an die obere Waldgrenze hinauf, dort, wo Axt und Säge kaum je zum Einsatz kamen, auf zusammengerechnet grosser Waldfläche ungeachtet der Standortsqualität naturnahe, reich strukturierte, gesunde und stabile, in dauernder Selbstverjüngung stehende Kleinkollektive von Bäumen unterschiedlicher Höhe, Durchmessers und Alters; im lückig-lockeren Verband bilden diese nachhaltig ideale Bergwälder; sie sind lebendes Beispiel dafür, dass naturnahe Bergwälder sich selbst zu erhalten vermögen und dabei auch noch Lebensraum für eine vielfältige Pflanzen- und Tierwelt sein können; wie sonst hätten diese Wälder sich über Jahrtausende erhalten können?
Mit schierem Unverständnis sieht man schliesslich auch, dass Förster noch jetzt versuchen, im Bergwald völlig quer zu natürlichen, den extremen Standorten geschuldeten, Jahrzehnte erfordernden Entwicklungsprozessen, unter Ausblendung integraler Sichtweisen und mit immensem finanziellem Aufwand von heute auf morgen Jungwälder heranzuziehen; im Ergebnis dann gleichförmige, strukturarme, instabile und lebensfeindliche Jungwälder, die sich in nichts von den heute geschimpften Fichtenforsten unterscheiden werden. Noch wage ich zu hoffen, dass nicht zutrifft, was mir ein erfahrener Forstkollege bei einem gemeinsamen Waldbegang im Saminatal zuraunte, nämlich, dass der beste und günstigste Bergwald-Förster im Endeffekt wohl derjenige ist, der möglichst nichts tut.


Felix Näscher, Kirchstrasse 11, Postfach 148, Vaduz

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