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Leserbrief

Liechtenstein – Insel der Glückseligkeit?

Carmen Sprenger-Lampert, Landstrasse 333, 9495 Triesen | 25. Juli 2020

Am 22. Juli 2020 veröffentlichte das «Vaterland» einen Beitrag zu den Resultaten des zweiten sogenannten «Lie-Barometers». Dieser Beitrag beginnt mit den Worten: «Die Coronakrise hatte keinen Einfluss auf die Zufriedenheit der Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner. Im Gegenteil: Liechtenstein ist sogar etwas glücklicher als 2019 (…).» Da drängt sich mir die Frage auf, welche 1626 Personen an dieser Onlineumfrage teilgenommen haben. Wer mit offenen Augen und Ohren durchs Land geht, wird Gegenteiliges erfahren. Und wer sich vor spontanen Gesprächen mit den Mitmenschen nicht scheut, wird zusätzlich wertvolle, realistische Informationen erhalten. Geschäftsleute, die sich aufgrund der ungewissen Aussichten Sorgen über die Auftragslage und daraus resultierend die Zukunft ihres Unternehmens machen. Personalverantwortliche, denen es davor graust, sich mit dem Thema Kündigungen beschäftigen zu müssen beziehungsweise diese sogar vollziehen müssen. Arbeitnehmer, über deren Köpfen das Damoklesschwert kreist und die diese beängstigende Stimmung ertragen müssen. Alte Menschen, die sagen: «Bin i froh, dass ich scho so alt bi.» Junge Leute, die mit ihrem Leben nicht mehr klarkommen und in ausländischen Jugendpsychiatrien behandelt werden müssen, usw. Auch wurde kürzlich ein Interview mit einem Liechtensteiner Psychiater veröffentlicht, der unter anderem darüber informierte, dass die Suchtproblematik in der Coronazeit enorm angestiegen sei. Jeder dritte Patient weise neben Panik, Angst und Depression auch ein Suchtproblem auf. Ein dreifacher Anstieg an Patientenanfragen im Vergleich zu vor COVID-19 existiere.
Wer über die Fähigkeit zur Empathie verfügt und sich als Teil der Gesellschaft sieht, wird sich eingestehen müssen, dass «gemeinschaftliches Glück» eigentlich eine andere Erscheinung hat. Bei einem so heiklen Thema zu pauschalisieren, erachte ich als sehr kritisch. Denn Glück wird als sehr unterschiedlich wahrgenommen. Selbst Philosophen zerbrechen sich diesbezüglich seit jeher ihre Köpfe.
Es ist höchste Zeit, dass die politischen und gesellschaftlichen Akteure die rosaroten Brillen ablegen, der Realität ins Auge blicken, ganz konkret zu handeln beginnen und sich bitte nicht auf derartige Pauschalaussagen stützen. Zum Abschluss ein Zitat von Demokrit: «Das Glück wohnt nicht im Besitz und nicht im Golde, das Glücksgefühl ist in der Seele zu Hause.»

Carmen Sprenger-Lampert, Landstrasse 333, 9495 Triesen

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