Leserbrief

Coronakrise und «HalbeHalbe» – Was hat das miteinander zu tun?

Walter Kranz, Dipl.-Psych., Mitglied des Initiativkomitees «HalbeHalbe» | 10. Juni 2020

Frauen sind die sozialen Airbags in Krisenzeiten. Sie werden dafür gelobt. Man klatscht auf den Balkonen und das wars. An der sozialen Lage und an der Beteiligung bei den wichtigen Entscheidungen hat sich damit noch nichts geändert. Es wird sich erst ändern, wenn Frauen in den Entscheidungsgremien angemessen vertreten sind. «HalbeHalbe» setzt sich ein für die angemessene Vertretung in politischen Gremien.
Mehr als 85 Prozent der Mitarbeitenden im Gesundheitswesen und in der sozialen Arbeit sind Frauen. Sie können nicht zu Hause bleiben, weil der Kontakt zu Menschen, die Hilfe brauchen, ihr Beruf ist. Sie sind einem hohen Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Dieses wird finanziell nicht honoriert. Wie Lohnstatistiken zeigen, besteht über alle Berufe hinweg eine Lohnlücke zwischen Frauen und Männer, die durch den Arbeitsinhalt nicht erklärbar ist. Über diese Lohnlücke («Gender pay gap») hinaus sind typische Frauenberufe, wie zum Beispiel die Krankenpflege, schlecht bezahlt. Auch im Detailhandel, wo überwiegend Frauen arbeiten, ist der Lohn tief und das Ansteckungsrisiko hoch.
In früheren Krisen wurden häufig Leistungen im Gesundheitswesen, in der Bildung sowie der Kinder- und Altenbetreuung abgebaut. Auch auf die derzeitigen Finanzspritzen in die Wirtschaft werden wieder Sparmassnahmen folgen. In der Schweiz fordert ein breites Frauenbündnis mehr Gehör für die Anliegen der Frauen, auch bei der Bewältigung der Coronakrise. Sie weisen unter anderem darauf hin, dass dringend Lösungen für den Fachkräftemangel im Care-Sektor gebraucht werden. Zahlreiche Frauen haben das Land durch die Krise gebracht, während vor allem Männer die Krise kommentierten. Das Frauenbündnis in der Schweiz weist darauf hin, dass im Corona-Krisenstab des Bundes weder Kinderbetreuerinnen, noch Mütter oder Pflegefachfrauen mitreden.
Frauen machen Homeoffice erst möglich, denn sie stemmen die Mehrbelastung. Deutsche Untersuchungen zeigen, dass die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, keinen Einfluss hat auf das Engagement der Väter für die Familie. Die Zuständigkeit der Frauen für die Kindererziehung erweist sich als krisensicher. Laut Meldungen aus dem Frauenbündnis haben Frauen seltener Zugang zu Homeoffice; ihnen werde unterstellt, dass sie sich zu Hause nebenbei um Kinder und Haushalt kümmern werden, anstatt konzentriert für den Betrieb zu arbeiten.
Es gibt viel zu tun. Die Verfassungsinitiative «HalbeHalbe» will eine angemessene Vertretung von Männern und Frauen in politischen Gremien. Die Annahme der Initiative ist ein nachhaltiger Schritt zur Verbesserung der aufgezeigten Problematik.

Walter Kranz, Dipl.-Psych., Mitglied des Initiativkomitees «HalbeHalbe»

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