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Leserbrief

Dick und Doof

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 23. Mai 2020

Zwei Männer, der A und der B. Beiden war ein langes Leben von 90 Jahren beschieden. A hat in einem Betrieb gearbeitet, liess sich aber frühpensionieren, weil ihm das Stehen an der Maschine Mühe machte. Der B ging auch früher in Pension, da sein Arbeitgeber, ein Baumeister, den Betrieb schliessen musste, weil die Mehrwertsteuer ihm den Garaus machte. A hatte nur eine schmale Pensionskasse, welche er noch mit seiner Ex teilen musste. Der Rest ist ihm unglücklich in Thailand drüben abhandengekommen. Der B hatte gar keine Pensionskasse, weil diese mitsamt dem Betrieb flöten ging. Aber B war ein quirliger Mann und suchte sich sofort Beschäftigung, um seinen Lebensunterhalt selber meistern zu können. Er mähte Rasen, machte den Hauswart, ging einem Bauern zur Hand, repariert und flickte da und dort, richtete sich eine kleine Werkstatt ein und arbeitete von früh bis spät. Um fit zu bleiben, trieb er Sport, ging wandern, rauchte nicht und zog gesundes Gemüse im Schrebergarten. Der A dachte nicht daran, in der Pension noch zu arbeiten, denn das hätte er lange genug getan wie er sagte. Weil die AHV auch ihm, wie dem B nur 1600 Franken schickte, beantragte er Zusatzleistung, die er natürlich auch bekam. Zusammen mit Mietbeihilfe kam er gut über die Runden. Ein rechter Zustupf an die Krankenkasse war ihm auch zugesichert. Die kleine Wohnung verliess er bald nur noch selten, denn seine Beine machten wegen seiner Diabetes nicht mehr recht mit. Die Spitex besuchte ihn dann und wann, und sie sorgte dafür, dass er einen bequemen Fernsehsessel, welcher die Beine massiert, bekam. Bald musste er auch ein paar «Schtenz», wie er sagte, einbauen, damit sein Herz wieder arbeiten konnte. Und wie das so ist, wenn es einmal anfängt, will es einfach nicht mehr aufhören. So brauchte er bald eine neue Herzklappe, dann ein neues Hüftgelenk, und der Gang zum Arzt wurde bald zum Wochenritual. Nach einer Augenoperation konnte er auch wieder den geliebten Blick lesen und besser fernsehen. Diäten mache er keine mehr, weil sich das mit den Medikamenten nicht vertrage. Mit 81 ging es dann nicht mehr, dass er noch alleine wohnen konnte, und so kam er ins Pflegeheim, wo er noch glückliche, aber teure 9 Jahre dahinlebte. Aber auch den B hatte es erwischt. Mit 89 Jahren stürzte er unglücklich beim Bäume schneiden und musste mit Rippenprellungen, die sich auch noch entzündeten, doch noch das Bett hüten. Auch er musste noch für 9 Monate ins Pflegeheim. Sein Erspartes reichte aber dafür aus. Endabrechnung am Grab für A: 30 Jahre Zusatzleistung 720 000. 14 Operationen à 64 000 = 896 000. Arztbesuche 418 000. 9 Jahre Heim minus 1800 AHV 486 000. Zusammen 2 522 502.– Franken für die Allgemeinheit. Endabrechnung für B am Grab. «Null» Franken für den Staat, dafür 30 Jahre Schikane von der Steuer, die nach jedem Franken stöberte, die er dazuverdiente und bei der Steuererklärung verheimlichen hätte können. Nun Frage am Grab: Welcher war nun der Dick und welcher war nun der Doof?


Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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