Leserbrief

«Ihr Hirschlein kommet, oh kommet doch all»

Felix Näscher, Aspergut 2, Eschen | 4. Mai 2020

Diesen innigen Wunsch muss ein Liechtensteiner Jagdpächter flehend und laut röhrend wie ein brunftiger Hirsch in Richtung Himmel schreien, wenn er die Verordnung der Regierung über den Abschussplan für das Jagdjahr 2020/2021 liest. Zur Erinnerung: 6112 Hirsche, oder im Mittel 207 Stück/Jahr wurden laut Jagdstatistik in den vergangenen 30 Jahren erlegt oder sind anderweitig umgekommen! Und diese Jagdstrecke konnte nur erreicht werden, weil die Liechtensteiner Jagdpächter – und das auch im Vergleich zu unseren Nachbarländern – ausserordentlich effektiv jagten, allergrössten Einsatz leisteten und zudem wussten, dass bei solchem Tun auf jagdethische oder tierschützerische Einschränkungen nur mit einem halben Augen geschaut werden kann oder derartige Bedenken überhaupt auf der Strecke bleiben müssen.
320 Hirsche lautet die Abschussvorgabe für das Jagdjahr 2020/21: Was soll man dazu noch sagen, wenn das verantwortliche Amt im Schreiben zur Abschussplanverordnung selbst festhält: «Eine Strecke von (…) ist im Vergleich der erzielten Strecken der vergangenen zehn Jahre extrem hoch angesetzt. Von untergeordneter Bedeutung waren dabei erneut Überlegungen zur Erfüllbarkeit der Abschüsse unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen.»
Man stelle sich einmal vor: Die Zählungen vom Frühling dieses Jahres, die diesem Abschussantrag zugrunde lagen, ergaben im Land einen Hirschbestand von 257 Stück, davon sollen 320 Stück geschossen werden – ein Spiel mit imaginären Zahlen oder mir nicht zugängliche Mathematik? Nun stelle man sich weiter vor: Ein – und ich betone – fiktiver Gemüsebauer setzt auf seinem Acker 1000 Weisskraut-Setzlinge; in seiner Ernte- und Einkommensplanung geht er jedoch davon aus, 1500 Weisskrautköpfe ernten zu können; einen solchen Gemüsebauern gibt es schlicht nicht.
Was soll denn diese Abschussplanung oder welche geheime Agenda steckt dahinter, von Amtes wegen Ziele zu setzen, von denen man von vornherein weiss, dass sie nicht erreicht werden können? Rund 150 Jäger, die für einen erhofften Jagderfolg zudem noch viel Geld bezahlen, pirschen diesen Hirschen in Liechtenstein während der Jagdzeit und darüber hinaus nach – wohl gemerkt, das heisst ein Jäger auf zwei Hirsche! Was soll dann noch die provokative Ansetzung eines Abschussplans, von dem man weiss, dass er nicht erfüllt werden kann und gleichzeitig der Ruf nach staatlich bezahlten Abschussgehilfen, die in kein Jagdsystem passen und sich zudem die fehlenden Hirsche zum geflissentlichen Wohlgefallen des Amtes auch nicht so einfach herbeibitten können.

Felix Näscher, Aspergut 2, Eschen

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