Leserbrief

Familien allein zu Hause

BPW Club Rheintal, Mitglied Frauennetz Liechtenstein | 4. Mai 2020

Die Ereignisse in der Krise verlangen einem so einiges ab – es wird zum Beispiel die Bedeutung von Toilettenpapier und Mehl und Tomatensauce bewusst. Vor allem aber die Systemrelevanz des – vielfach weiblichen und oft niedrig entlöhnten – Personals in Pflege, Kinderbetreuung, Landwirtschaft und Lebensmittelbranche sowie die der unbezahlten Betreuungsarbeit. Aktuell arbeiten mehr Mütter und Väter als sonst von zu Hause aus und sind gefordert, Homeoffice, Homeschooling und Familienleben unter einen Hut zu bringen. Wie hart der Familienalltag im Lockdown wirklich sein kann, zeigen Eltern in den sozialen Medien auf – vom Galgenhumor über Kapitulation bis hin zu Hilferufen ist alles dabei.
BPW (Business and Professional Women) setzt sich unter anderem für die Gleichberechtigung von Mann und Frau bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Darum an dieser Stelle ein paar Gedanken zur gerechten Organisation von Beruf und Privatleben im Lockdown. Es sind alle gefordert, insbesondere wenn die klassische Rollenverteilung sich durchzusetzen droht.
• Eltern: Die Gestaltung des Homeoffice- und Homeschooling-Familienalltags ist nicht vorgegeben, sondern liegt in der Verantwortung der Beteiligten. Sie kann, gerade weil es eine für alle ganz neue Situation ist, eine Chance sein, neue Aufgabenteilungen auszuprobieren und alte Rollenbilder aufzubrechen – jenseits von väterlichem Ernährertum und mütterlichem Gatekeeping. Eine klare Trennlinie zwischen Privatem und Beruf hilft zu regeln, wann welcher Elternteil für die Familie und wann für den Arbeitgeber ansprechbar ist, oder anders gesagt, wann man sich um Kind und Küche und wann um die Karriere kümmert.
•Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber: Unternehmen können unterstützend wirken und proaktiv (auch für Männer!) flexible Lösungen anbieten, wenn es beispielsweise um die Zeiten der Erreichbarkeit oder um die Arbeitsbelastung geht. Insbesondere können Führungskräfte – weibliche und männliche – mit gutem Beispiel vorangehen und einerseits als Rollenvorbilder für geteilte Verantwortung in Bezug auf die Sorgearbeit wirken, und andererseits mit kreativen Lösungen und Kulanz reagieren, wenn ihre Angestellten Betreuung, Erziehung und Schulbildung leisten müssen. Erfolgreiche Firmen – auch im Land – wissen um den beiderseitigen Gewinn solcher Praktiken.
• Politik: Die Politik hat im Umgang mit der Krise Agilität und Innovationsgeist bewiesen, erreicht ihr Gestaltungswille auch dieses Thema? Erwerbstätige, die wegen den Schulschliessungen und zusätzlichen Betreuungsaufgaben nur eingeschränkt arbeiten können, sowie deren Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, sollen vor unverschuldeten, grösseren finanziellen Einbussen bewahrt werden. Zum Beispiel etwa indem Fehlstunden, die aufgrund von Betreuungsarbeit entstehen, als Kurzarbeit gelten dürfen, wie es in der vom LANV lancierten Petition zur Coronakrise gefordert wird. Und nach der Krise nicht zu vergessen, dass die, die sich unentgeltlich um Kinder kümmern, Angehörige pflegen und ihre Nachbarn versorgen, Leistungsträger der Gesellschaft sind – und es allen besser geht, auf je mehr Frauen und Männer diese Aufgaben verteilt sind.
Ohne die Problem kleinreden zu wollen, sieht BPW Rheintal in der Coronakrise eine grosse Chance, um aus der Situation Innovationskraft für Veränderungen zu schöpfen, die Köpfe von festgefahrenen Rollenbildern zu lüften und die Gleichberechtigung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit Gewinn für die ganze Gesellschaft einen grossen Schritt voranzubringen.

BPW Club Rheintal,
Mitglied Frauennetz Liechtenstein

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