Leserbrief

Coronagehorsam

Georg Kieber, Binzastrasse 6, Mauren | 2. Mai 2020

Wir Liechtensteiner marschieren nicht, uns fehlt der Drill des Militärs, wir haben keine Übung im Umgang mit Gehorsam, Mühe, uns Autoritäten zu fügen, und überhaupt, wir sind egoistische Individualisten, sagt man. Vonwegen, wenn der Staat befiehlt, dann spuren wir, ohne zu hinterfragen. Verfassungsmäs-sig gewährleistete Grund- und Freiheitsrechte werden massiv eingeschränkt, der Regierung wird öffentlich Gesetzesbruch (Verbiegung) vorgeworfen, ohne dass sie sich bemüssigt fühlt, darauf zu reagieren (was kümmert es den Mond, wenn der Pinscher ihn anbellt), und im Stil tyrannischer Pädagogik von damals, schreien sie ununterbrochen: Wenn du alt bist, dann bleib bitteschön überhaupt zu Hause. Natürlich alles im höheren Interesse zum Wohle von uns Bürgern. Karin Frick stellte fest, in der Krise wolle die Bevölkerung mehr Sicherheit als mehr Freiheit und selbst Überwachungstechnologie werde weitgehend akzeptiert. Gesagt wurde aber auch: Wer Sicherheit und Freiheit will, wird beides verlieren. Christoph Zürcher prägte im Magazin der «NZZaS» in diesem Zusammenhang den Begriff «Safetyism» und definierte ihn als Traum vom Leben ohne jedes Risiko und die Lust auf Entmündigung. Entmündigung: Susi Beck, Coiffeursalon Estilo Libre, Schaan, wollte vorübergehend die Öffnungszeiten bis 23 Uhr verlängern, ihr Team hätte in Schichtbetrieb gearbeitet, um die Zahl der gleichzeitig im Salon anwesenden Personen niedrig zu halten, das Personal hätte ein etwas tieferes Stundentotal in Kauf genommen, ohne dass Entschädigung für Kurzarbeit in Anspruch genommen worden wäre. Aber halt. Der Staat legte über das Amt für Volkswirtschaft das Veto ein. Friseure seien Ladengeschäfte, keine Verlängerung, um 21 Uhr müsse Schluss sein. Niemand will korrupte Rechtsverletzung, aber es ist nicht verständlich, dass in einer Zeit, in der den Bürgern so viel abverlangt und die Wirtschaft an die Wand gefahren wird, für eine kreative, fleissige, flexible Unternehmerin kein Weg gefunden wird. Hier geht es um die Kleinlichkeit einer vorübergehenden Verlängerung von Öffnungszeiten für einen Friseursalon, und der Staat antwortet mit so robuster Vehemenz. Der Staat bin ich, tu, was ich dir sage und stelle keine Fragen!

Georg Kieber, Binzastrasse 6, Mauren

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