Leserbrief

Was bleibt nach dem Applaus?

Informations- und Beratungsstelle für Frauen (Infra), Mitglied des Frauennetzes... | 2. Mai 2020

Wer organisiert die Krise? Die Mitgliedsorganisationen des Frauennetzes Liechtenstein äussern sich zur Coronakrise: Heute die Informations- und Beratungsstelle für Frauen (Infra), zur schlechten Bezahlung der systemrelevanten Care-Berufe.
In den vergangenen Wochen dankte die Bevölkerung vielerorts den im Gesundheitssystem Tätigen mit einem grossen Applaus von ihren Balkonen aus. In Liechtenstein wurden als Ausdruck der Dankbarkeit für all jene, die in diesen Tagen und Wochen vollen Einsatz erbringen, Fahnen gehisst. Das ist schön, nützt aber wenig, wenn nun keine politischen Konsequenzen folgen.
Wären wir etwas aufmerksamer, hätten wir die Systemrelevanz der Care-Arbeit auch ohne Coronavirus längst erkannt. Offenbar wird jedoch erst jetzt wahrgenommen, was das Pflegepersonal in den Spitälern und auf den Intensivstationen (nicht nur jetzt) leistet.
90 Prozent der in der Pflege und Betreuung Tätigen sind Frauen. Als traditionelle Frauenberufe sind Care-Berufe schlecht entlohnt.
Der Schweizerische Berufsverband der Pflegefachpersonen macht seit Jahren darauf aufmerksam, dass viel zu wenig Pflegefachpersonen ausgebildet werden und viele Ausgebildeten den Beruf bereits nach wenigen Jahren frustriert verlassen, weil die Belastung zu hoch und der Lohn und die Anerkennung zu tief sind. Gemäss Sotomo Lohnzufriedenheitsstudie vom vergangenen Jahr sind in der Schweiz 58 Prozent der in der Pflege tätigen Personen mit ihrem Lohn nicht zufrieden.
Der Fachkräftemangel zeigt sich auch in der Altenpflege. Die 24-Stunden Pflege, die viele Liechtensteiner Familien für ihre betagten Eltern organisieren, wird von Care-Migrantinnen vorwiegend aus Osteuropa geleistet. Der Arbeitsplatz «Privathaushalt» untersteht nicht dem Arbeitsgesetz. Die Gefahr, dass die Dienste der Care-Migrantinnen und ihre schwache Position ausgenutzt werden, ist gross. Gespannt warten wir auf die Ergebnisse der Care-Studie, die aktuell im Auftrag der Infra, des Vereins für Menschenrechte und des LANV durchgeführt wird. Wir fordern, dass Care-Arbeit nun endlich die politische Aufmerksamkeit bekommt, die sie braucht und verdient!
Die Coronakrise öffnet uns nicht nur die Augen für die Arbeit des Pflegepersonals. Wenn die Kitas die Tore schliessen und zudem die Grosseltern für die Kinderbetreuung wegfallen, wird augenscheinlich, welchen Beitrag (Klein-)kinderbetreuerinnen leisten, damit die Eltern ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen können.
In all den genannten Care-Berufen arbeiten hauptsächlich Frauen. Ihre Arbeit ist unverzichtbar für unsere Gesellschaft und gehört adäquat entlohnt!

Informations- und Beratungsstelle für Frauen (Infra), Mitglied des Frauennetzes Liechtenstein

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