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Leserbrief

Fragwürdige Massnahmen und Abkehr vom naturnahen Waldbau

Mario F. Broggi, St. Mamertenweg 35, Triesen | 10. Februar 2020

Ich widerspreche als ehemaliger Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) ungern meinen Kollegen im liechtensteinischen Forstdienst in ihren Aussagen zum Schutzwald und zur Wald-Wild-Frage. Ihre Vorstellungen schlagen sich nun in amtlichen Papieren nieder, lassen sich aber aus ökologischer Sicht in Teilen nicht stützen. Seit vielen Jahren wird die Gefährdung des Schutzwaldes beklagt und das Schalenwild für den angeblich kläglichen Zustand verantwortlich gemacht. Der berechtigte Sicherheitsanspruch wird mit Angst vor Naturgefahren hochgefahren. Es ist von einer Überalterung des Schutzwaldes die Rede, da er an einigen Stellen mehr als 100- bis 150-jährig sei. Diese Bäume würden von Natur aus 300 bis 800 Jahre leben, im menschlichen Vergleich wären damit die angeblich überalterten Bestände 30-jährig. Darf man darum von einer Überalterung sprechen? Vielleicht aus forstlicher Nutzersicht, hingegen nicht aus der massgeblichen ökologischen Sicht. Die Kräfte der Selbsterneuerung des Waldes werden massiv unterschätzt. Aus einer technophilen Sicht werden Schlüsse begründet, die mir unhaltbar scheinen. So soll es neu Wildfreihaltegebiete geben, ein kaum praktikables Unding und eine zutiefst unethische Forderung. Dies gilt auch für Reduktionsgatter, die man auch Tötungsfallen nennen kann. Zur Lebensgemeinschaft Wald gehört auch das Wild. Die liechtensteinische Forstwirtschaft entfernt sich vom einst praktizierten naturnahen Waldbau, mit sehr groben Verjüngungsschlägen, teils ausgeführt mit Knickschleppern, die nicht in den Gebirgswald passen und die Bodenkrume massiv verletzen. Diese waldschädliche Form der Forstwirtschaft kostet pro m3 geerntetem Holz oder Hektar Waldfläche dreimal so viel wie in den benachbarten Gebeiten, dies gemäss Studie der Stiftung Zukunft.li «Effizienzpotenzial der Gemeinden» des Jahres 2018. War Mitte der 1980er- Jahre noch knapp ein Drittel der anfallenden Holzernte Energieholz, sind es heute mehr als drei Viertel. Die vielen Sortimente vom Bau- bis zum Industrieholz werden zunehmend zugunsten des Verbrennens geopfert. Das ist ein «Holzweg» in der Klimarettung, das Energieholz ist das letzte Glied der Verwertungskette. Die forstliche Nachhaltigkeit wird verlassen. Ich bin in Konsequenz aus dem Liechtensteiner Forstverein ausgetreten.

Mario F. Broggi
St. Mamertenweg 35, Triesen

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