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Leserbrief

Circenses

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 1. Februar 2020

Wie Rolf Peter Sieferle noch kurz vor seinem Suizid, den er als einzig verbleibende Erlösung wählte, weil er diese Welt nicht mehr zu ertragen imstande war, in seinem epochalen Büchlein «Finis Germania» beschreibt, ist aus der westlichen Welt, zu welcher sich auch Liechtenstein wird zählen müssen, politisches Handeln nahezu verschwunden. Die Politik bewege sich wie eine Wanderdüne, auf deren Kamm die Sandkörner höchstens noch neue Formen bilden können, ansonsten aber das System längst die Politik abgelöst hat. Am besten manifestiert sich das bei uns hier im Lande, in dem es sich einst zu leben lohnte, in dem vielen Unvollbrachten, welches wie eine mit Glitter verzierte, rostige Blechbüchse, voll mit Wünschen und Huldigungen, Kuriosem, Spinnereien und metaphysischen Mirakeln an eine ominöse Zukunft, von einer Politikergeneration an die nächste weitergereicht wird, wobei sich der neue Täter vor dem scheidenden auch noch tief verbeugt. Unser herausragendes Objekt, das unlösbare Verkehrsdilemma, gipfelt darin, dass man den Stinkfurz verbreitet, einzig eine Ampel auf der Vaduzer Rheinbrücke würde uns von allen Verstopfungen befreien. Nachdem uns aber die Schweizer in Bern sagten, man habe weiss Gott in der Eidgenossenschaft Besseres und Wichtigeres zu tun, wie die Probleme von Vaduz und Bendern zu lösen, lungern wir noch mut- und ratloser in unserer Verkehrskomödie herum. Und wie könnte es anderes sein, geistert schon wieder diese unsägliche S-Bahn, diesmal sogar bis nach Trübbach, der Periodikamühle folgend und der Semesterabwechslung mit der veranstalteten Spitalgaudi gerecht werdend, durch die Herzen, Nieren und die Hintersteven, der längst in dieser Frage tumb und ohrensteif gewordenen Bevölkerung. «Panem et circenses – Brot und Zirkusspiele» werden immer mehr zur drohend illustren Bestechung für uns, das ausser bei den Wahlen längst entmutigte und gebrochene Fussvolk, welches schon Friedrich Nietzsche treffend als Hammelherde und Sieferle gar als Hühnervolk bezeichneten. Es ist wohl das Schicksal einer verschwindenden Kultur, dass ihre Magistraten im Erkennen ihrer Entkräftung und ihrer, in diesem Niedergang unausweichlichen Ohnmacht zu entfliehen versuchen. Dafür bietet sich nichts Besseres an, wie die fehlende Verantwortung einhergehend mit einer Demokratieinkompetenz irgendwelchen gut bezahlten Beratern zu überlassen. Oder man holt TV-Geldvermehrer Thelen, ja sogar Blockchain-Visionär Monthy Metzger ins Land und lullt mit denen die Hühner ein.

Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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