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Leserbrief

Das Drei- Klassen-Prinzip

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 25. Januar 2020

Älteren Jahrgängen bleibt verwehrt, sich in der heutigen Welt, die sich ja immer noch dümmer darstellt, überhaupt noch zurechtzufinden. Ihre Jugend war geprägt von selber denken und selber handeln. Das ging schon in der Schule los. Hätte früher der Lehrer etwas von CO2gefaselt, hätte man vehement alles unternommen, damit er mit diesem Blödsinn aufhört und sich nicht wie die Lämmer an seine Kette hängen lassen. Und das Mädchen mit den Zöpfen war die Heidi mit der weissen Geiss von Maienfeld. Und wäre der Lehrer auf die abstruse Idee gekommen, uns mit Tatzen gefügig zu machen, hätte man ihm den Haselstecken einfach genommen und zerbrochen. Und beim Hosenspanner hätte man ihm ins «Födla» gebissen. So einfach war das. Hart aber einfach.
Wollten wir etwas lernen, mussten wir uns selber kümmern. Da waren noch keine Horden von Schulpsychologen, Berufsberatern, Speziallehrern und Töfflijägern. Und es gab nur Volksschule, Realschule und Marianum. Nur die Weiber, die heute nach Halbe Halbe kreischen, mussten mit dem Kloster in Schaan einen Extrafurz haben. Wäre auch nicht notwendig gewesen. Und wenn einer zu dumm war, hatte er den Vorteil, dass er in der dritten Klasse schon rauchen durfte, weil er dann schon 18 Jahre alt war. Was sich aus dieser «Grumpiera»-Erziehung ergab, ist nun unser Wohlstand, auf den die Alten stolz sind und an dem sich die Jungen gerne ausgiebig bedienen und wacker mästen. Und das alles, obwohl damals die Gletscher schon längst das Schmelzen begonnen hatten. Auf einer Schulreise, im Rucksack einen Landjäger, ein gekochtes Ei, ein Apfel, einen Rongen Brot, in einem alten Saurerbus nach Gletsch im Obergoms, erklärte man uns dort, dass der Rohnegletscher schon seit 140 Jahren schmilzt. Wir also viel zu spät unterwegs seien. Das nächste Mal müssten wir halt früher kommen, tröstete uns sogar der Alphirt auf dem Furkapass.
Heute ist das alles ein bisschen anderes, verschwommener, undeutlicher und man getraut es fast nicht zu denken, auch ein bisschen hintertriebener. Heute beissen die Jungen dem Lehrer nicht mehr in seine üppige Speckschwarte, müssen nicht mehr auf dem Besenstiel kniend tausendmal schreiben: «Ich darf nicht alles glauben, was man mir erzählt.» Heute bekämen sie einen Besen geschenkt, wüssten sie noch was das ist, wenn sie nur andächtig der Greta mit den Zöpfen hinterherwatscheln und dafür sogar die Schule schwänzen. Aber in ihrem Falle macht das nichts, denn die rauchen und kiffen ja schon in der zweiten Klasse.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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