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Leserbrief

Zu «Bauliche Massnahmen ...

Loretta Federspiel, Werthsteig, 9493 Mauren | 10. Januar 2020

... an der Esche» im «Volksblatt» vom 8. Januar 2020.
Je älter man wird, umso mehr beginnt die Natur zu einem zu sprechen. Man hat kaum noch Nutzungsansprüche an ein Stück Boden und ist glücklich, wenn er einen mit Blumen und vielleicht noch mit Gemüse beschenkt. Den Bibern kann man gute Reise wünschen, wenn sie dort, wo sie sich wohlfühlen, nicht mehr genehm sind. Zwar baut er wie der Mensch Dämme zu seiner Sicherheit, er plant und ist fleissig, Hut ab! Jedoch ohne Steuern zu zahlen. Ich laufe oder fahre gerne mit dem Rad der Esche entlang oder schaue ihr auf dem Brücklein des Birkenweges zu, wie sie, ein trauriges Bächlein, langsam vor mir davon fliesst. Im Winternachmittagslicht spiegelt sich das Neongrün eines Betongebäudes in ihr. Unweit vom Ufer streben die Türme eines landwirtschaftlichen Industriebetriebes in die Höhe, als sollten dort demnächst Raketen ins All gestartet werden. Nachts aber spiegelt der Mond sich in dem Bach, sie sind zwei lächelnde alte Bekannte, und in seinem Licht kann die Esche unerwartet von anderen Zeiten berichten:
«Ich habe gegurgelt und geplätschert, zahlreiche Fische – Hechte, Karpfen, Weissfische, Krebse – flossen in meinem klaren mäandernden Gewässer unserem gemeinsamen Ziel zu. Den Bibern sind wir wie fröhliche Soldaten begegnet ohne Anspruch auf Sieg. Was für eine Freiheit und wie selbstverständlich war die Harmonie zwischen uns und der Erde und dem Himmel! Dann legte der Mensch seine Hand an uns an, eine Hand, die sich im Laufe der Zeit tausendfach vervielfachte, unermüdlich und eifrig, als nähme sie sich ein Vorbild an uns. Wir haben unser Eigenleben, unser Glück und unsere Freiheit den Ansprüchen, die der Mensch auch an sich selbst stellt und die er Massnahmen nennt, untergeordnet. Ich bin ein kleiner Bach, aber in mir fliesst dasselbe Wasser wie in den grossen Strömen der Welt und wir bewahren dieselben Erinnerungen auf.»
Als Andenken an die Esche seiner Kinderzeit widmet Heinz Ritter ihr ein kleines Gedicht:
Vilmol i jedem Summer
het sie üs Fröda gmacht.
Bim Wattla und bim Sprötza
hon miar va Härza glahat.
Mier sin am Bart dunn koggat,
hon Stegga n ummagschwengt
un wenns üs warm ischt warda
o p Füass is Wasser kengt.


Vor allem s Wasser staua
hon miar am liabschta kmacht.
Ma ischt denn dinna knäulat
mengmol bis fascht i d Nacht.
D Esche het o metkmacht,
ischt albis kmüetleg gsi,
het vil va üs erdoldet
of ierem Weg in Rhii.
(Quelle: «s Hundertölferbuach va Mura»)

Loretta Federspiel, Werthsteig, 9493 Mauren

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