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Leserbrief

Zur Tat wird, worauf wir unser Bewusstsein richten

Loretta Federspiel, Werthsteig 9, Mauren | 18. Dezember 2019

An diesem Tag standen mehrere erfreuliche Nachrichten in der Zeitung.
Zum Beispiel dürfen saudische Frauen in Riad jetzt Auto fahren und ohne Kopftuch singend in der Öffentlichkeit auftreten.
Der Klimagipfel in Madrid ist zu Ende – mit wütendem «Friday for Future»-Geheul, so «laut, wie nie zuvor», denn die Verhandlungen brachten keine Ergebnisse, die dem gewünschten Klima entgegengekommen wären. Die Gemüter erhitzen sich, und weil sie ein Teil der Natur sind, erhitzt diese sich mit ihnen. Die gute Nachricht ist, dass die Pro­tagonisten in einem Jahr wieder ein Reislein machen dürfen, um die Debatten erneut aufzunehmen.
Greta kehrt heim, fotogen zwischen den Wagons sitzend und im Erstklass­abteil, und darf endlich wieder algebraische Welträtsel lösen. Und wir dürfen uns dem weihnachtlichen Lebkuchenhaus widmen, in dem ihre Namensschwester ebenso mutige, ja geniale Taten vollbringt.
Es ist jetzt die Zeit, dieses Märchen wieder einmal zu lesen, um zu erfahren, wie die kluge Gretel ihren Hänsel befreit, das Böse besiegt, zartfühlend einer Ente begegnet und erst noch sagenhaft reich nach Hause zurückkehrt, ganz ohne Grimassen zu schneiden.
Die vierte gute Nachricht ist, dass Forscher einen Superfaden entwickelt haben – «zäh, leicht und unglaublich fest» mit den Eigenschaften von Spinnenseide, der das 150 000-Fache seines Gewichts tragen kann. Diese Nachricht hat mich angeregt, den Faden weiterzuspinnen – weg vom genialen Spinnennetz zur Genialität und Kreativität des Menschen.
Der Mensch ist fähig, in der Wüste zu leben oder im ewigen Eis zu wohnen. In seinen Genen sind nicht nur die Überlebens-, sondern die gesamten Lebensstrategien enthalten. Nachdem Adam sein Faulpelzdasein im Paradies aufgeben musste, entfaltete er eine gigantische Kreativität – Bewässerungsanlagen längs der Ufer der längsten Ströme der Welt, die den Wüsten üppige Fruchtbarkeit entlockten. Pyramiden, baulich nie mehr erreicht, atemberaubende Brücken über Schluchten, Klonen und Organersatz. Der Mensch ist fähig, immer wieder neu zu beginnen, so wie die Trümmerfrauen es schafften, mit ihrer Hände Arbeit wieder Städte zu errichten.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Menschheit zwischen Kreativität und Zerstörung, zwischen Wissen und Unwissenheit hin und her schwankt.
Wir wissen, was wir nicht wissen, zum Beispiel wie wir einen Satz beenden, den wir begonnen haben, obwohl Lippen, Stimmbänder und Lunge keine Ahnung vom Inhalt haben.
Wir sind so kreativ, dass wir den Fokus darauf richten können, uns an den Tieren zu erfreuen, weil sie ihrem Wesen gemäss mit uns leben dürfen, dass in unseren Wiesen wieder Blumen blühen und dass wir uns nicht schämen müssen, wenn wir Schuberts Melodie von der launischen Forelle im klaren Wasser hören.
Wir sind fähig, die Welt zu verbessern ohne Klagen, Beschimpfungen, Wut und Vorwürfe, und ohne uns nur den Mängeln und Fehlern der Gesellschaft zu widmen. Denn es ist eine alte Weisheit, dass das zur Tat wird, worauf wir unser Bewusstsein richten.

Loretta Federspiel, Werthsteig 9, Mauren

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