Leserbrief

Santa Chiara

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern | 26. Oktober 2019

Pedrazzini Giovanni, dem Haudegen, Unternehmer, Politiker, Stadtpräsident zu Ehren wurde in Locarno ein Brunnen errichtet. Dieser steht mitten in der grossen Piazza Giovanni Pedrazzini, gesäumt von schönen Patrizierhäusern und ist ein Meisterwerk der Brunnenbaukunst. Nach Süden führt die Via della Pace. Pace zu Deutsch Frieden, und schon nach einigen Metern biegt nach links die Via Stefano Franscini ab. Franscini war Lehrer, Politiker, Bundesrat und Gründer des Bundesamtes für Statistik. Schon nach hundert Schritten auf der Via Stefano Franscini liegt links die Clinica Santa Chiara. Chiara, zu Deutsch Klara, wurde als Tochter des Adeligen Favarone di Offreduccio die Bernardino geboren und widmete sich dem Vorbild des heiligen Franziskus, welcher sie mit ärmlichen Kleidern versah und ihr die Haare abschnitt, einem Leben in radikaler Armut. Die Klinik selbst, mitten in der Stadt gelegen, also ohne Parkplätze, 1935 gegründet, verfügt über 100 Betten, vier Operations- und zwei Gebärsäle und ist ein anerkanntes Regionalspital.
Nun, was sagt uns das alles? Es sagt uns, dass, wenn man als Politiker erfolgreich ist, einen wohlklingenden, sogar geschichtsträchtigen Namen trägt, für die Menschen etwas leistet und bewirkt und von Statistik fundierte Kenntnisse hat, man damit rechnen kann, dass man als Dank ein Denkmal, gar einen gros-sen Brunnen mit wasserspeienden Engeln und Elfen bekommt. Und es heisst, dass, wenn man sich der Armut und dem Pace, also dem Frieden zuwendet und auf Verschwendung, Wollust und Geldversauen radikal verzichtet, man die Chance hat, nach Erreichen des Ablaufdatums in den Himmel einziehen zu dürfen. Und es heisst, dass ein Spital wunderbar auch in einer Stadt funktionieren kann und nicht zwingend auf die grüne Wiese muss und sich auch ohne Autobahnanschluss und Architekturbegeilungen einen guten Namen machen kann. Und es heisst, dass man ein Gebäude auch nach 85 Jahren nicht abreissen muss, nur weil ein paar nach den Millionen geifernde Lümmel aus dem Baugewerbe mit ihren teflonbeschichteten Pflasterkellen es nicht erwarten können, einen Haufen Ziegel aufeinander zu kleben und Beton herumzukurven. Und es heisst, sich Klaras Mut und Gottvertrauen zum Vorbild zu nehmen. Jene stellte sich den Sarazenen und auch dem kaiserlichen Heer mit ihrer Monstranz entgegen. Nun hoffentlich hat der Liechtensteiner auch die Vernunft und stellt sich dem Unsinn, dass ein Spital nur in einem neuen Haus funktionieren könne, vehement und mutig entgegen.

Jo Schädler, Eschnerstrasse 64, Bendern

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