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Leserbrief

Wer wir auch sind, es steht nicht gut um euch, denn ihr seid zu wenige

Jo Schädler,Eschnerstrasse 64, Bendern | 10. Oktober 2019

Um Richard David Precht zu zitieren, ist es tatsächlich die Frage «Wer sind wir, und wenn ja wie viele?». Oder noch schlimmer, dass einem, wenn er eine Bautafel in einer Gemeinde liest, der derbe Spruch aufsteigt: «Du hast Augen wie Korallen, die aus deinem Schafskopf lallen.» Denn auf diesen meist grossen Tafeln steht in selbstherrlichen Lettern geschrieben: «Wir bauen für Sie.» Hoppla. Wer ist dieser ominöse «Wir», fragt sich da der Korallenmensch, und wer ist Schafskopf und wer nicht? Zur Erklärung: Eine Gemeinde ist eine Ansammlung Menschen und die sind alle gleich. Alle zahlen Steuern und sorgen dafür, dass die Strukturen stimmen und das Leben in der Gemeinschaft gedeiht. Manchmal schauen die Gemeindemitglieder in «ihre» Sparbüchse und wenn genügend drinnen ist, dann kann sich die Gemeinschaft etwas leisten. Zum Beispiel eine Strasse erneuern. «Sie» bauen dann für sich. Es ist schon ein sehr rotzfreches Gehabe, dass sich einige Leute in der Gemeinde erdreisten, die Kasse alleine, und zwar zu üppigen Salären, zu überwachen und dann gnädig für die Überwachten eine Strasse flicken und für ihren Frevel am Allgemeineigentum sich auch noch als den King auf dem Hafenring präsentieren. Ja, wo sind wir denn jetzt gelandet und seit wann baut denn der Bauführer? Die gleiche Arroganz sieht man auf den volkseigenen Fahrzeugen, wo geschrieben steht: Landesverwaltung, Amt für Soundso. Diese Fahrzeuge gehören dem Land und nicht der Verwaltung und dort hat zu stehen: «Land Liechtenstein, Amt für Soundso». Am tragischsten aber ist die Beschriftung auf der Bekleidung von zum Beispiel den Bauamt-Mitarbeitern. Denen hat man auf ihre orange Arbeitswäsche – und zwar genau dort, wo sie ihr Herz tragen – geschrieben: «Landesverwaltung Fürstentum Liechtenstein.» Ein Akt der Grausamkeit, der nicht mehr zu überbieten ist. Die Landesverwaltung macht also den, der am meisten arbeitet, aber in der Lohnklasse ganz unten durch muss und sich praktisch nicht wehren kann, zu ihrem Eigentum und zerrt ihn weg von ihrem Arbeitgeber, dem Volk, hin zum «Wir». Und so wie die Gemeindeverwaltungen sich alles unter den Nagel reissen, was nicht Niet und eben nagelfest ist, macht auch die Landesverwaltung keinen Hehl daraus, dass in diesem beschaulichen Ländchen zwei Sorten Menschen leben. Die «Ihr» und die «Wir», wobei die «Ihr» immer weniger und die «Wir» immer mehr werden, womit der Ausgang von diesem Spiel, vor allem für den Schafskopf, klar sein dürfte.

Jo Schädler,
Eschnerstrasse 64, Bendern

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